Ach, sind die süß! – Welpenspielen Teil 1

Ute Rott
Forsthaus Metzelthin

Gibt es etwas niedlicheres als so ein Knäuel spielender Welpen? Sicher nicht. Es ist einfach zu süß, wie sie rumpurzeln und tapsig hinter einander herhopsen, sich überfallen und dabei furchterregend knurren, einfach nur entzückend.

In vielen Hundeschulen werden nach wie vor Welpenspielstunden abgehalten. Manchmal in Kombination mit Grundgehorsamstraining, manchmal einfach als reine Spielstunden, mal mehr mal weniger qualifiziert – aber eins ist ihnen allen gemeinsam: sie sind überflüssig und  meistens – leider – für die Hunde schädlich. Warum „leider“? Weil ich selber für mein Leben gern Welpenspielstunden organisiert und durchgeführt habe, aber seit mindestens fünf Jahren lasse ich das sein und bin sehr froh darum. Warum?

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Daß Welpen gerne spielen und spielen ein wichtiger Bestandteil der Welpenzeit ist, ist unbestritten. Im Spiel erlernen und üben sie viele Dinige, die sie später im Leben brauchen: jagen, Sozialverhalten, Beisshemmung, Sexualverhalten, sie schulen ihre Intelligenz, trainieren ihre Muskeln, Reaktionsfähigkeit und individuelle Talente, und das alles spielerisch und ohne Ernstbezug. Denn – und das ist eine wichtige Voraussetzung – spielen können sie nur dann, wenn sie ausgeruht und satt in einer sicheren Umgebung sind. Ein ganz einfaches Beispiel aus der Natur verdeutlicht das: jeder von uns hat im Fernsehen schon mal spielende Wolfs- oder Fuchswelpen vor dem Bau gesehen. Sowie nur das geringste Anzeichen einer Gefahr auftaucht, bringen sich alle Kinder wie der Blitz im Bau in Sicherheit. Und das dauert bis sie wieder auftauchen, der mutigste kommt zuerst, dann folgen langsam die anderen, und erst, wenn sie sich wieder sicher fühlen, gehts weiter.

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Wo ist jetzt der Unterschied zu Welpenspielstunden in der Hundeschule? Ein ganz entscheidender ist schon mal die unumstößliche Tatsache, daß es sich bei den Welpen vor dem Wolfsbau um Geschwister handelt – in der Welpenspielstunde sind sie meistens noch nicht mal gleich alt und in der Regel auch von unterschiedlichen Rassen. Ja, das ist doch aber gerade der große Vorteil, oder? Sie sollen doch alle Rassen kennenlernen? Ganz unbefangen beim Spielen ist es doch am einfachsten. Könnte man meinen. Aber Tatsache ist, daß Hunde rassetypisch sich unterschiedlich entwickeln. Kleine Hunde werden schneller erwachsen als große, das weiß man. Aber auch Rassen entwickeln sich unterschiedlich. Während ein Goldie mit einem Jahr noch ein ziemlicher Blödel ist, ist eine Deutscher Schäferhund schon so gut wie ausgereift. Kromfohrländer, die eher zu den kleineren Hunden gehören, sind erst ab zwei Jahren „ernst zu nehmen“, Jackies schon sehr viel früher. Im Gegensatz zu den Geschwistern vor dem Fuchs- oder Wolfsbau müssen sich die Hundewelpen also erstmal kennenlernen, die anderen abchecken, was das für welche sind – und das nur einmal pro Woche. Bis zum nächsten Treffen hat sich jeder vierbeinige Teilnehmer extrem verändert, geht das Abchecken also wieder los.

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Dann gibt es rassetypische Verhaltensweisen, die für andere Hunde nicht immer lustig sind. Da haben wir den fröhlich durch die Gegend rempelnden Labrador, der das nicht böse meint, so isser halt. Boxer haben damit überhaupt kein Problem, die rempeln halt zurück und finden das auch lustig. Windhunde dagegen finden das gar nicht komisch und können sehr ungehalten reagieren. Oder der Border Collie, der schon als Welpe alle beschleicht und fixiert – mag sein, daß sein Herrchen das großartig findet, die Hunde fühlen sich eher bedroht und reagieren vielleicht auch so – mit Abwehr. Gut geschulte Kursleiter können sicher vieles in richtige Bahnen lenken und den Teilnehmern gute Tipps geben. Aber wenn man weiß, daß Welpenspielstunden für viele Hundeschulen eine sehr effektive Werbemaßnahme sind, dann kann man sich vorstellen, daß die Trainer sich hüten werden, allzu kritisch zu argumentieren. Denn wenn man dem stolzen Border Collie-Herrchen sagt, er muß das Anschleichen und Fixierien unterbrechen können, sonst gibts irgendwann Ärger, könnte ja sein, daß der seinen Bello nimmt und auf Nimmerwiedersehen verschwindet.

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Aber selbst wenn das alles gut geht und die Kursleiter richtig gute Tipps geben und die Teilnehmer alles gut aufnehmen, kann eine Gefahr so gut wie nie gebannt werden: die Überforderung der Welpen. Welpen haben wie Kleinkinder eine sehr begrenzte Aufnahmekapazität und sie brauchen viel Zeit und Ruhe, um etwas lernen und verarbeiten zu können. Und das haben sie bei Welpenspielstunden meistens nicht. Der Kurs dauert in der Regel 60 Minuten, das ist schon mal viel zu lange  – aber die übliche Zeit, da Menschen nun mal wegen weniger nicht die Mühe auf sich nehmen wollen, zur Hundeschule zu fahren. Dann prasseln auf den Kleinen jedes Mal jede Menge Eindrücke ein, die er so schnell gar nicht auf die Reihe bekommt: das Wetter ist anders, es sind neue Menschen und Hunde da oder weniger als beim letzten Mal, auf dem Platz hat sich was verändert, der Tagesablauf war sehr hektisch, der kleine Hund hat Hunger oder kurz vorher gefressen, er bekommt neue Zähne und fühlt sich nicht wohl….. Das ist wie bei Kindern, da kann jeder Tag und jede Woche ganz anders ablaufen, obwohl für die Erwachsenen eigentlich alles gleich bleibt.

Auch körperlich sind die Kleinen in so einer Welpenspielstunde komplett überfordert. Viele Leute tragen ihren sechs Monate alten Labrador noch die Treppen rauf und runter und heben sich dabei kreuzlahm. Aber wenn der Kleine 60 Minuten mit anderern rumrennt, über den Haufen gerannt wird, in den Zaun brettert, Notbremsungen und verwegene Sprünge macht, dann ist das auf einmal lustig und total gesund für Muskeln und Gelenke? Ganz übel wird es, wenn körperlich überlegene und womöglich ältere Rüpel in der Gruppe sind, die die anderen reihenweise umrennen, bzw. mobben, nicht gebremst werden und der Kurs nach dem Motto abgehalten wird: das machen die unter sich aus. Das führt tatsächlich zu schlimmen körperlichen Schäden, die meistens erst später auftreten und deshalb oft nicht als Folgeschäden einer Welpenspielstunde erkannt werden. Verhaltensprobleme sind dann sowieso vorprogrammiert, denn bekanntermaßen sind die besten Mobber die ehemaligen Mobbingopfer. Einer meiner Kundenhunde hat im Alter von 14 Monaten angefangen, Welpen zu überfallen, bei größeren Hunden ist er dafür extrem unterwürfig.

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Ein Hauptproblem ist, daß alles zum Spiel erklärt wird, was Hunde untereinander so machen: rennen, sich anrempeln oder anspringen, pföteln, sich auf den Rücken werfen…. egal, sieht doch niedlich aus, also spielen sie. Kein Mensch käme auf die Idee, alles, was Kinder tun, als Spiel zu bezeichnen. Aber sowie das Kind vier Pfoten und ein Fell hat, vorne bellt und hinten wedelt, spielt es 24 Stunden am Tag und sein ganzes Leben lang? Ganz sicher nicht.

So ein kleiner Hund lernt ununterbrochen und das sollte er möglichst entspannt und sicher können. Das Leben eines Hundes in Deutschland ist bei allem guten Willen, den Hundehalter an den Tag legen, enorm stressig und für die Hunde alles andere als einfach. Wichtig ist für Welpen ein entspanntes Heranführen an alles, was neu ist und was ihnen im Laufe ihrer Kindheit und Jugend eben so begegnet. Aber das wollen wir uns nächstes Mal ein bißchen gemauer ansehen.

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Geh spielen! – Sind Hunde Dauerspielfreaks?

von Ute Rott
Forsthaus Metzelthin

Indiana hat einen Freund: Lupo. Lupo ist ein sehr imposanter, junger Viszlarüde, 2 Jahre alt und unkastriert. Lupo wohnt bei meiner Freundin Anke. Wenn Lupo zu uns zum gemeinsamen Training mit Indiana kommt, freut sie sich immer sehr, aber es ist ein kleiner Wehmutstropfen für sie dabei: nach einer kurzen Begrüßung am Zaun muß er sofort und dringend den ganzen Hundeplatz kontrollieren. Schließlich muß er wissen, wer in der Zwischenzeit alles da war. Dann hat er Zeit für Indiana. Sie rennen eine kleine Runde, buddeln auch mal – unerlaubterweise – gemeinsam in den Maulwurfshäufen rum, schüffeln zusammen und dann gehen wir spazieren. Da ist beiden enorm wichtig, daß sie in Kontakt bleiben, daß nicht einer dem anderen davonläuft, sie machen sich auf interessante Schnüffelstellen aufmerksam und  – am allerwichtigsten!!! – sie sind auf der Jagd nach Rehen, Hasen, Eichhörnchen, egal, was eben so des Wegs kommt, besonders im Wald.  An bestimmten Stellen darf Lupo frei laufen, weil er gut abrufbar ist und allein keinen Unfug macht, Indiana bleibt an der Leine, damit das auch so bleibt. Wir trainieren z.B. Leinenführigkeit, Impulskontrolle, manchmal machen wir auch ein paar Suchspiele, was eben so ansteht. Dann rennen sie noch eine Runde auf dem Hundeplatz zusammen, und schließlich fährt Lupo wieder nach Hause und beide sind sehr zufrieden. „Gespielt“ haben sie in diesen 1-2 Stunden max. 10 Minuten.

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Kürzlich kam Lupos Herrchen auf die Idee, einen Kollegen einzuladen, der ebenfalls einen Viszlarüden hat, auch ungefähr 2 Jahre alt und unkastriert. Lupo ist jetzt ein freundlicher Hund, der selbst Rüden gegenüber sehr tolerant ist. Wenn Gäste in Ankes Ferienwohnung Hunde dabei haben, findet er das zwar nicht toll, wenn die in seinem Garten rumrennen – außer es sind schnuckelige Mädchen, aber er akzeptiert das. Er ist einfach nett. Aber jetzt kam da dieser andere Kerl auf seinen Hof, der sofort den dicken Max markierte. Das war nicht mehr lustig. Zu Lupos Glück hat Anke ziemlich viel Ahnung von Hundeverhalten, nicht nur weil sie bei mir in der Hundeschule ist, sondern weil sie ihren Hund gut kennt und andere Hunde genau beobachtet und sich vernünftige Gedanken macht. Sie verwechselt nicht so ohne weiteres, ob Hunde sich tatsächlich verstehen und auch mal spielen, oder ob sie sich eher unfreundlich gegenüberstehen.

Während alle anderen gemütlich bei Sonnenschein auf der Terrasse saßen und Kaffee tranken, ging sie lieber mit den beiden Rüden durch den großen Garten und behielt sie genau im Blick, denn so hatte sie ihren netten Lupo noch nie gesehen. Die beiden hatten dauerhaft eine Bürste, etwas, das ich bei Lupo gar nicht kenne. Sie wirkten eher steif und als sie schließlich mal eine Runde liefen, war das defintiv kein Spiel sondern eine unfreundliche Jagd. Sie stoppte das und verlangte, daß beide Hunde wenigstens etwas getrennt würden, zumindest ein paar Meter an der Leine. Die anderen fanden das merkwürdig, wo die beiden doch gerade anfingen, so schön zu spielen. Lupo fand die Idee gut. Er legte sich sofort hin und machte ein Nickerchen. Der andere Rüde war unruhig, fiepte, hampelte rum. Es wurden noch 2, 3 Versuche gestartet, aber irgendwie wurde das nix: Bürste, steifes Herumschleichen, sich jagen…. komisches Spiel.

Man sprach so über die Erziehung der Hunde, der andere Viszla hatte eine Welpenspielgruppe absolviert, das wars. Ich will jetzt nicht behaupten, daß Lupo besser erzogen ist, weil er immer noch zu mir kommt und wir alles gut festigen können. Aber die Tatsache, daß er keine Welpenspielstunden besucht hat, daß er also weder mobben noch gemobbt werden erlebt hat, daß er im Einzelunterricht die Grundkommandos und in einer Gruppe vernünftigen Umgang mit anderen Hunden – auch unkastrierten Rüden – gelernt hat, das ist schon die bessere Voraussetzung für die Bewältigung einer derart stressigen und spannungsgeladenen Situation als eine Welpengruppe, in der alle mehr oder weniger unkontrolliert übereinander herfallen.

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Es ging alles gut aus, die Hunde haben sich „nur“ angebrummt und angedroht, mehr war nicht, aber wenn Anke nicht so gut aufgepasst und dieses merkwürdige „Spiel“ nicht als das verstanden hätte, was es war, nämlich ein unfreundliches Austesten des jeweils anderes, wäre es vermutlich zumindest zu einigen Kratzern kommen – auch bei im Prinzip freundlichen  Viszlas. Denn wer fände das gut, wenn er ungefragt Besuch in seinem Bereich bekommt, der eine klare Konkurrenz darstellt, der sich uneingeladen auf dem eigenen Gelände breit macht, der überall rumpinkelt und auch noch den dicken Max markiert und einen androht? Will man mit dem „spielen“? Im besten Fall kann man mit so jemandem mal auf neutralem (!) Gelände Kontakt aufnehmen und dann entscheiden, ob man mit ihm näher bekannt werden möchte oder eben nicht. Und jetzt rede ich nicht von Hunden, auch wenn es 1:1 auf Hunde übertragbar ist.

Wann hört das eigentlich auf, daß Menschen denken, Hunde würden Tag und Nacht nur ans Spielen denken? Wann verstehen Menschen endlich, daß auch Hunde erwachsen werden und wie erwachsene Menschen dann deutlich weniger spielen, dafür mehr freundschaftlichen Kontakt zu sympathischen Artgenossen brauchen, mehr Gemeinsamkeit und gemeinsames Erleben und deutlich weniger wildes Rumgerenne. Ja, es gibt Unterschiede, manche Hunde bleiben länger alberne Spielfreaks, bei anderen geht das schneller vorüber. Manche spielen gerne und freundlich mit jungen Hunden, mit erwachsenen eher nicht. Manche spielen nur mit ihren Freunden oder mit ihren eigenen Kindern….. Erinnert Sie das an Sie selber? Überraschung! Hunde und Menschen sind sich auch in diesem Bereich sehr ähnlich. Und ganz sicher wollen sich weder Hunde noch Menschen Spielkumpane aufdrängen lassen.

Lupo war nach diesem Besuch übrigens fix und fertig. Kein Wunder. Über einige Stunden mußte er ertragen, daß ein fremder Kerl sich bei ihm breit macht, er mußte ihn bewachen, damit er nicht versucht, sich seinen Hof unter den Nagel zu reißen, er mußte aufpassen, ob der nicht plötzlich einen Angriff auf ihn startet….. ganz sicher kein Grund sich über Besuch zu freuen und mit ihm zu spielen.

Liebe Hundemenschen, wenn eure Hunde andere Hunde so gerne mögen, daß sie den Besuch dieser Hunde auf dem eigenen Geländer toll finden – wunderbar. Freut euch, herzlichen Glückwunsch. Aber die meisten Hunde und ganz besonders erwachsene Hunde  sind da nicht unbedingt scharf drauf. Unser Maxl findet Hundebesuch toll, Anton reduziert das auf Mädchen und Indiana sagt: RAUS! Also gibt es hier keinen Hundebesuch mehr. Denn wir legen den Menschenbesuch fest und die Hunde den Hundebesuch. Und wenn mein Mann eine Freundin von mir nicht leiden kann, treffe ich mich mit ihr woanders, und so halten wir es mit den Hunden auch. Sie treffen ihre Freunde auf neutralem Gelände, und wir sichern ab, daß das auch Freunde sind und sie sie gerne treffen. Was sie dann mit ihrem Kumpels machen, spielen, schnüffeln, buddeln…. bleibt ihnen überlassen.

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Einfach Hund sein dürfen – Das Hundeleben natürlich gestalten

von Ute Rott
Forsthaus Metzelthin

Thomas Riepe hat ein neues Buch geschrieben: „Einfach Hund sein dürfen – Das Hundeleben natürlich gestalten“. Jetzt gibt es schon jede Menge Bücher und Artikel, in denen behauptet wird, nur so, wie der Autor das darstellt, sei „artgerechte“ Hundehaltung richtig und möglich. Bei vielen dieser Veröffentlichungen denke ich mir, daß es dem Autor vor allem darauf ankommt, die Wünsche der Hundebesitzer zu erfüllen, weniger die der Hunde. Wer Thomas Riepe kennt, und er hat mittlerweile eine zahlreiche Fangemeinde, weiß, daß er gerne alle seine Thesen und Behauptungen gut untermauert und vor allem: er denkt für die Hunde und macht es den Hundehaltern nicht immer leicht. Oder doch?

Riepe, Einfach Hund

In seinem neuen Buch beschreibt er ausführlich und nachvollziebar, welche Art von Hunden er beobachtet hat, wie diese Hunde leben und welche Schlüsse wir daraus für unsere Hunde ziehen können. Das Buch ist sehr übersichtlich in 4 Teile unterteilt:
1. Das Hundeleben natürlich gestalten warum?
2. Wolf, Dinge? Co: Vorbilder für das natürliche Gestalten
3. Angeboren und angepasst
4. Das Hundeleben natürlich gestalten: So klappt’s im Alltag.

Sehr ausführlich geht er darauf ein, daß ein Leben, wie es unsere Hunde in Mitteleuropa führen, durchaus nicht das übliche für die meisten Hunde dieser Welt ist. Er unterscheidet folgende Populationen: Pariahunde, wildlebende Caniden, Schensi- und Strassenhunde, Bauernhunde und Haushunde. Gestützt auf seine Beobachtungen, die weltweit bei den unterschiedlichen Populationen gemacht hat, erklärt er, wie sie leben, wie sie ihren Tag gestalten und wie sie sich von anderen Hunden unterscheiden. Ein wichtiger Unterschied aller Caniden zu unseren Haushunden ist, daß alle anderen ihr Leben selbstbestimmt führen, unseren Hunden dagegen von der Wiege bis zur Bahre jeder Atemzug vorgeschrieben wird. Und das ist alles andere als angenehm und erzeugt jede Menge Probleme, egal ob es um Territorialverhalten, Ruhebedürfnis, Nahrungsbeschaffung,  Familienplanung oder anderes geht. Uns ist – eigentlich – bewußt, daß die meisten der Probleme, die wir mit Hunden und Hunde mit uns haben, hausgemacht sind, aber hier wird uns sehr klar der Spiegel vorgehalten, was wir unseren Hunden alles aufbürden.

Am deutlichsten erkennt man das an zwei Punkten: schlecht befriedigtes Ruhebedürfnis und Arbeitslosigkeit von Haushunden. Hunde ruhen bis zu 20 Stunden am Tag. Das ist selbstverständlich von verschiedenen Faktoren abhängig, denn ein sehr junger Welpe schläft mehr als ein aktiver Jundhund und ein Greis wird auch mehr Zeit mit Schlafen verbringen als ein gesunder erwachsener Hund. Wenn wir allerdings nachrechnen, wie viele Stunden unsere Hunde täglich für sich haben, Zeiten, in denen sie einfach tun und lassen können, was sie wollen, z.B. dösen, dann stellen wir fest, daß die wenigsten Hunde auch nur auf 16,17 Stunden kommen. Dieses Ruhebedürfnis ist allerdings genetisch fixiert und es führt natürlich zu Problemen, wenn es nicht befriedigt werden kann.

Mit der Arbeitslosigkeit unserer Hunde ist es ähnlich. Als soziale Lebewesen, die in familiären Gemeinschaften leben, wissen Hunde, daß jedes Mitglied eine Aufgabe erfüllen muß, damit es allen gut geht. Aber selbst das, was Hunde hervorragend ohne große Schulung und Übung können: riechen und aufpassen, dürfen sie in den allerwenigsten Fällen ausleben. Viele Menschen sind sogar stolz darauf, daß ihr Hund ein reines Luxusgeschöpft ist, daß sie ihren Hunden damit keinen Gefallen tun, ist ihnen nicht klar.

Es gibt noch viele Punkte, die genau erläutert werden, z.B. wie ein ausgeglichener Hormonhaushalt zu einem guten Leben führt, daß Hunde eben nicht permanent spielen w0llen, wie man einen hundegerechten Spaziergang durchführt, daß nicht jeder Hund einen Hundepartner im Haushalt braucht, aber sehr wohl einen verständnisvollen Menschen.  Ebenso macht er vernünftige Vorschläge, wie man seinem Hund eine Aufgabe zuteilt, die er gut bewältigen kann und ihn dadurch zufriedener macht – und nein, er meint damit nicht, daß Bello pausenlos mit Hundesport durch Parcours und über Hundeplätze gejagt wird, sondern daß er z.B. gemütlich einen Teil des Hauses oder der Wohnung bewacht.

Es wird so manchem nicht leicht fallen einzusehen, daß Hunde ein erfülltes Leben haben, wenn sie dabei sein, genug schlafen und eine kleine Aufgabe erfüllen dürfen. Und es wird wohl noch viel Überzeugungsarbeit kosten, bis die Mehrheit der Hundehalter und Hundetrainer (!) verstanden hat, daß der Beschäftigungswahn der Hundemenschen, egal wie nett man das aufbaut, nicht im Sinne der Hunde ist. Dieses Buch leistet einen wichtigen Beitrag dazu.

Am besten gefallen hat mir übrigens der Ausdruck „Hundestalker“, so bezeichnet sich Thomas Riepe selber, da er so oft wie nur möglich Hunde – und andere Caniden –  beobachtet und dabei immer interessante Dinge sieht und lernt.

Das Buch ist ein ideales Geschenk für Menschen, die ihren ersten Hund haben oder über eine Adoption nachdenken, und durch die Vielzahl von Meinung, wie ein Hund zu leben hat, verunsichert sind. Sehr wichtig finde ich es für alle, deren Hund ein Programm wie ein Siemens-Vorstandsvositzender hat, und die vor lauter Hundebespaßung schon gar nicht mehr zu einem eigenen Leben kommen. Menschen, die Hunde aus dem Auslandstierschutz haben und mit vielen Verhaltensweisen nicht gut klar kommen oder verunsichert sind, kann hier klar werden, daß sie einen ganz normalen Hund mit ganz normalen Vorstellungen von einem guten Hundeleben haben, das sich noch dazu mit unserem Leben gut vereinbaren läßt. Aber selbstverständlich kann jeder Freude an diesem Buch haben, der sich gerne mit Hunden befasst. Ein besonderes Schmankerl sind die wirklich liebevollen Zeichnungen von Susanne Dinkel.

Natürlich könnte ich jetzt noch viel ausführlicher auf den Inhalt eingehen, aber warum sollte ich alles nachplappern, was Thomas Riepe schon so hervorragend geschrieben habt. Kauft euch das Buch und lest es, es lohnt sich und kostet nur € 14,90.

Einfach Hund sein dürfen – Das Hundeleben natürlich gestaltenThomas Riepe, Ulmer Verlag 9-783-8001-33789
D € 14,90
A € 15,40

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Pass auf! – Warum Hunde eine richtige Aufgaben haben sollten

Ute RottForsthaus Metzelthin

Hunde müssen beschäftigt werden – hört man ständig und immer wieder, egal wie oft man argumentiert, daß die meisten Beschäftigungen, die Menschen sich für Hunde so ausdenken, vorsichtig ausgedrückt, nicht immer passen. Weil aber Hunde wie Menschen dafür gemacht sind, in Gemeinschaften zu leben und deshalb wissen, daß in einer gut funktionierenden Gemeinschaft jeder eine Aufgabe erfüllt, sollte es doch möglich sein, für jeden Hund eine Aufgabe zu finden, die er gerne und gut machen kann. Für manch ein Couchpotato reicht es vollkommen aus, wenn er einfach dabei sein darf, wenn möglich immer und überall. Aber andere hätten es eben gerne etwas anspruchsvoller.

Wir hatten vor knapp 20 Jahren einen Strobel (Atdeutscher Hütehund), dessen Hauptaufgabe es war, meinen Mann bei der Arbeit zu begleiten. Mein Mann hatte damals zusammen mit einem Freund einen Kurierdienst. Er versuchte immer, seinen Tag so zu gestalten, daß unser Joschi seine regelmäßigen Spaziergänge bekam, aber an manchen Tagen war es eben nicht mehr, als 3-4 mal über einen Autobahnparkplatz. Joschi war wie alle Hütehunde ein sehr lauffreudiger Hund, deshalb hatte er anfangs an solchen Tagen ein ganz schlechtes Gewissen – grundlos. Denn diese Viertelstunde über einen fremden Parkplatz war hochinteressant und mit vielen neuen Eindrücken verbunden. Solange das kein Dauerzustand war, war alles im grünen Bereich. Mit 14 Jahren erkrankte Joschi am Vestibulären Syndrom, wir dachten damals, es sei ein Schlaganfall und hatten große Angst, daß er sterben würde. Nach wenigen Tagen ging es ihm aber deutlich besser, und zwar ab dem Moment, als er meinen Mann wieder begleiten durft. Er wurde gebraucht als Kurierfahrerbegleiter und das reichte aus, um seinen Lebenswillen anzufachen.

Sein Nachfolger, mein unvergessener Fritzi, war einer der besten Wachhunde, die man sich vorstellen kann. Wir hatten von Anfang an darauf geachtet, daß wir jede seiner Meldung, jedes kleinste Wuffen ernst nahmen. In kürzester Zeit konnte er auffällige Geräusche von unauffälligen unterscheiden, er wußte, wie und wann er uns Bescheid sagen mußte, und das tat er leise und ganz nebenbei, einfach mit einem kurzen „Wuff“. Hier in Metzelthin war seine selbstgewählte Aufgabe, das Anwesen zu bewachen. Die Folge war, daß wir bis heute so gut wie keine Waschbären auf dem Hof haben, was sich sehr positiv auf die Zwetschgen- und Gemüseernte auswirkt. Zwei- bis dreimal am Tag drehte  er eine knapp 20minütige Runde übers ganze Gelände und war von nichts davon abzubringen. Bis eine Woche vor seinem Tag nahm er das ernst und erfüllte seine Pflicht gewissenhaft.

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Seine Gefährtin, die kleine Loni, stand ihm bei als er älter wurde und nicht mehr so gut hörte. Sie passte für ihn auf und weckte ihn, wenn es notwendig war. Beide waren hervorragende, lebende Klingeln. Denn ich höre nicht immer, wenn jemand am Tor steht und die Glocke wieder mal nicht geht. Loni brachte auch unserem Maxl viel bei, was man im täglichen Leben in Metzelthin so braucht. Auch wenn wir manches nicht so gut fanden, z.B. Hasen jagen, für ihn war sie eine wichtige Stütze, um hier anzukommen.

Indiana und Maxl arbeiten zunehmend Hand in Hand. Sie kann deutlich besser einschätzen, wann etwas bemerkenswert ist, er hört mit seinen Ohrtüten alles im Umkreis von einem Kilometer, sagt ihr Bescheid, und sie entscheidet dann, ob es wichtig ist oder nicht. Mit dieser Lösung ist uns allen geholfen, weil Maxl nicht mehr so viel bellt.

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Es gibt Hunde, die tragen einfach gerne irgendwas durch die Gegend. Was spricht dagegen, so einen Hund angemessene Gegenstände von A nach B transportieren zu lassen? Eine Kundin von mir hat ihren beiden Sheltiemädchen beigebracht, das Klammerkörbchen von der Wohnung in den Speicher zu tragen, wenn sie zum Wäscheaufhängen geht. Ein anderer Kunde ließ seinen Labrador die Zeitung vom Briefkasten ins Haus tragen. Ein anderer Kundenhund geht mit Frauchen zur Arbeit ins Seniorenheim und beglückt dort die alten Leute, z.B. verbringt er einen Teil seiner Zeit bei einer alten Frau in ihrem Zimmer, mit der er auch spazieren geht. Alle sind glücklich: Frauchen weiß, ihr Kleiner ist gut aufgehoben, die alte Frau kommt raus und hat eine Aufgabe und der Süße hat eine Aufgabe.

Ein Jagdhund, der zuverlässig Wild anzeigt, hat schon aus so manchem einfachen Naturliebhaber einen begnadeten Tierfotografen gemacht. Einer meiner Kunden hat seinem Beagle beigebracht, daß es sich sehr lohnt, die Rehe und Hasen Herrchen zu melden und eben nicht hinterher zu laufen. Die Folge: die beiden gehen ohne Leine durch den Wald und Herrchen macht fantastische Fotos, um die ihn alle beneiden.

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Wer mit seinem Hund sowas wie Feinreviersuche oder Verlorensuche macht, kann seinen Hund doch auch was suchen lassen, was wirklich verloren gegangen ist. Zum Glück ist das nicht so oft notwendig. Aber mein alter Fritzi hat immer wieder mal unseren Parkplatz abgesucht, wenn jemand seinen Schlüssel verloren hatte. Entweder er hat ihn gefunden oder zuverlässig angezeigt, daß er hier nicht ist.

Was ist der Unterschied zu „spielerischen“ Beschäftigungen? Ganz einfach: der Hund wird ernst genommen mit all seinen Fähigkeiten. Anstatt ihn anzupflaumen „Halt die Klappe“ – was sowieso nichts hilft -, kommt die Botschaft „kannst du bitte mal nachsehen? Hier ist was komisch.“ bei mir an und ich kann den Hund dafür loben – und ihn nebenbei dazu bringen, nicht immer gleich loszuschreien, sondern mir ganz leise Meldung zu machen. Anstatt mir weiß Gott was auszudenken, was ihm gefallen könnte, beobachte ich meinen Hund genau, stelle fest, was er wirklich gerne tut und lerne ihn dadurch besser kennen und verstehen. Und das kann nur förderlich für die Beziehung sein.

Hunde sind uns extrem ähnlich. Unter anderem finden sie es auch nicht lustig, wenn sie nicht ernst genommen werden. Es gibt so viele Dinge, die sie viel besser können als wir, denn ihre Sinnesleistungen übertreffen unsere um ein Vielfaches. Warum sollen wir das nicht in ihrem und unseren Sinn nützen? Ein Hund, der eine echte Aufgabe ausführt – und Hunde machen das immer gut -, der ist zufrieden und weiß, daß er für die Gemeinschaft notwendig ist nach dem Motto: ohne mich gehts auch, aber mit mir gehts besser.

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Deshalb rate ich allen meinen Kunden, ihren Hund zu beobachten und einfach abzuwarten, was er denn gerne macht. Natürlich geht das nicht von jetzt auf gleich, ein bißchen Zeit muß man sich schon lassen. Aber wo ist das Problem? Anstatt an sinnlosen Dingen rumzudoktern, die dem Hund keinen Spaß machen und den Menschen damit auf Dauer nur frustieren, kann man sich doch daran versuchen, mit dem Hund gemeinsam etwas aufzubauen, was beiden nützt.

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Hunde in der Werbung

von Ute Rott
Forsthaus Metzelthin

Für wen wird Werbung gemacht? Für den, der das Produkt braucht? Oder der es kaufen soll? Falsch: für den, der es verkaufen möchte. Dem ist es nämlich egal, ob wir das Teil brauchen oder nicht, Hauptsache, er kann’s loswerden. Und dazu ist Werbetreibenden kein Schwachsinn schwachsinnig genug. Ich frag mich oft, was denn der Waschbrettbauch von so einem Typen frisch aus der Muckibude z.B. mit Parfum für Frauen zu tun hat. Und wer glaubt allen Ernstes, daß sein Öl an der Tankstelle von einer blonden Bikinischönheit eingefüllt wird? Kürzlich hab ich mal eine Werbung gesehen, da hat so ein halbnacktes Mäuschen für „Frischfleisch“ für Hunde (!) auf einem Lieferwagen geworben. Abgesehen davon, daß ich die Verknüpfung schon für daneben halte, war die Idee vielleicht nicht übertrieben gut, denn Hundefutter wird in der Regel von Frauen gekauft, weniger von Männern. Aber klar ist: Werbetreibenden ist nichts zu doof, und das geht manchmal ganz schön böse daneben.

Sehen wir uns mal diese tolle Autowerbung an, die es modifiziert auch im Fernsehen gibt. Ach, ist das nicht schön? Da laufen diese netten, hübschen Hunde, vier Stück an der Zahl, so fröhlich mit Frauchens supertollem, neuen Auto mit. Da macht der Spaziergang doch gleich noch mehr Spaß, oder?

Hunde in der Werbung FordMal abgesehen davon, daß es für Hunde nicht witzig ist, hinter oder neben einem Auto durch die Gegend gehetzt zu werden. Und nein: Hunde wollen nicht rennen, rennen, rennen und schon gar nicht wollen sie einem Auto hinterherhetzen, mit dem ihre Menschen davon fahren. Wir wollen uns zwei Punkte ansehen, die den hervorragenden Werbefachleuten von Ford anscheinend nicht bekannt sind.

1. Was macht die Autofahrerin, wenn sich ein Hund abseilt? Ist ihr klar, daß dann alle vier weg sind? Wenn eine der Pelznasen am Wegesrand eine Schafherde entdeckt, die man mal munter durchrütteln kann? Oder einen Hasen? Oder einen Radfahrer? Oder einen Spaziergänger mit Hund? Wie hält sie die Hunde auf? Kriegt sie das überhaupt mit? Was passiert, wenn ein Auto von vorn kommt? Viel Spaß, kann ich da nur sagen, da brauchen alle Beteiligten jede Menge Glück, um heil davon zu kommen.
2. Laut StVO § 28 ist es in Deutschland verboten Tiere am Fahrzeug zu führen. Soweit mir bekannt ist, sind Hunde auch Tiere. Gilt die StVO für Werbetreibende nicht – oder ist sie ihnen nicht bekannt? Müssen sich die nicht an Gesetze und Straßenverkehrsordnungen halten? Was passiert, wenn man Werbefilme zeigt, in denen über rote Ampeln gefahren wird? Halt! Das geht nicht. Wie wir alle wissen, ist das Fahren über rote Ampeln eine der schlimmsten Straftaten, die der deutsche Bürger begehen kann. Das wissen sicher auf die Agenturen.

Ironie: aus!

Spazieren gehen mit Hunden bedeutet, daß man sich Zeit nimmt für sie und zwar nur für die Hunde. Wenn man sein neues Auto ausprobieren möchte, und Bello kommt – im Auto – mit, ist alles gut. Aber damit zu werben, daß es total lustig ist, Hunde neben einem Auto herfahren zu lassen, das ist schon ganz schön daneben. Wen spricht das an? Wer ist die Zielgruppe? Abenteuerlustige Menschen, die Spaßautos haben möchten und sich nicht die Bohne dafür interessieren, wies ihren Hunden bei solchen Aktionen geht. Eigentlich ein Grund, keinen Ford zu kaufen, wenn die es notwendig haben, so eine Mistwerbung zu machen.

Und noch was: ich zeige jeden an – StVO § 28 -, den ich bei solchen Aktionen erwische und das rate ich auch meinen Kunden. In der Metzelthiner Umgebung hat’s insofern schon gewirkt, daß sich zumindest auf den öffentlichen Straßen keiner mehr traut, seinen Hund hinterm Auto laufen zu lassen. Könnte ja sein, ich komme des Wegs.

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Dann knallen wir sie eben ab – Parallelen im Umgang mit Flüchtlingen und Hunden

von Ute Rott
Forsthaus Metzelthin

Lange habe ich überlegt, ob ich das hier als Satire schreiben soll, aber irgendwie ist das Thema dann doch zu schrecklich, als daß ich mich drüber lustig machen könnte. Wir sind alle mehr oder weniger von den Flüchtlingen betroffen, die nach wie vor zu uns kommen. Und es sieht ganz so aus, als würde sich trotz vielfältiger Maßnahmen auf absehbare Zeit nichts daran ändern. Das ist auch logisch, denn so lange die westliche Welt, also besonders Europa und die USA den Rest der Welt als ihr Eigentum betrachten, das sie ausbeuten, mit Krieg überziehen und dirigieren können, wie es ihnen beliebt, geraten Menschen auf der ganzen Welt in Not und sie dann eben versuchen daraus zu entkommen. Ich finde das logisch, dann ich würde ganz genau so handeln. Aber unsere hochbezahlten Politiker und viele „besorgte“ Bürger sehen das anders.

Wie komme ich aber auf den Titel „Parallelen im Umgang mit Flüchtlingen und Hunden“? Was haben diese Menschen denn mit Hunden zu tun? Ich finde, mehr als man auf den ersten Blick meinen könnte.

Wer aus einem von Krieg und Gewalt verwüsteten Land flieht wie z.B. Syrien oder Afghanistan, oder aus einem Land, das durch Landgrabbing, Ausbeutung und Umweltverschmutzung so wie weite Teile des afrikanischen Kontinents unbewohnbar gemacht wurde, der geht ja weg, weil er irgendwo anders auf der Welt Arbeit sucht, damit er überleben und vielleicht auch ein bißchen die Daheimgebliebenen unterstützen kann. Wer Schutz und Arbeit in der Fremde sucht, dem ist vermutlich klar, daß er sich ordentlich nach der Decke strecken muß, damit er auch aufgenommen und gut behandelt wird. Mir erscheint das nachvollziehbar und ich vermute, zumindest Thomas de Maizière, unser Innenminister, sieht das auch so. Warum sonst sollte er in Afghanistan versuchen, die Leute von der Flucht abzuhalten mit dem Argument: in Deutschland gibt es nicht für alle Flüchtlinge Arbeit und Wohnungen. Trotzdem wird permanent von arbeits- und integrationsunwilligen Asylbewerbern gesprochen, so als kämen nur die Kriminellen und Arbeitsscheuen hierher. Ganz wichtig ist, daß die sofort alle wieder abgeschoben werden, egal wohin, Hauptsache weg. Ganz sicher werden da auch Kriminelle und Arbeitsscheue darunter sein. Aber allein 2015 über eine Million? Doch unwahrscheinlich oder?

Hat nix mit Hunden zu tun oder? Ich sag euch mal, warum ich denke, doch.

Wenn Leute sich einen Hund holen, dann ist der noch gar nicht da, und schon wird ruminterpretiert: was er für einen Charakter haben wird, wie groß er wird, ob er mal kastriert werden muß oder nicht, ob er / sie ein guter Zuchtrüde / eine gute Zuchthündin wird, was er mal für Beschäftigungen braucht….. und ganz wichtig: welche Grenzen man ihm setzen muß. Weil, wenn wir ihm keine Grenzen setzen, dann frißt er uns bekanntermaßen die Haare vom Kopf und die Wurst aus dem Kühlschrank und erobert die Herrschaft erst über uns und dann über den Rest der Welt.

Wie die Flüchtlinge. Erst tun sie ganz arm, dann nehmen sie uns unsere Arbeitsplätze weg, dann unsere Wohnungen und dann unserer Frauen…. nein, mir nicht, ich habe ja einen Mann. Aber es sind ja auch Frauen dabei, die nehmen mir dann meinen Mann weg. Wenn wir da nicht aufpassen! Die haben doch eine ganz andere Kultur! Unsere westlichen Werte! Da kommen die doch gar nicht damit klar: Demokratie, Gleichheit, Freiheit! Die kennen doch nur, daß der Muezzin oder der Iman, oder wie die heißen, ihnen die Ohren vollsabbern und dann rennen die los mit dem Sprengstoffgürtel um den Bauch und sprengen uns in die Luft. Hab ich ein Glück, daß sie mich in meiner Waldeseinsamkeit noch nicht entdeckt haben.

Ironie: aus!

Ein großes Übel unserer Welt ist, daß wir zwar überhaupt kein Problem damit haben, andere mit unseren „Werten“ zu überrollen und ihnen unsere Lebensart aufzudrängen, aber wehe die anderen melden an, daß sie andere Bedürfnisse haben. Hunde z.B. wollen immer nur alles, was wir auch wollen. Ach wirklich? Wenn sie nicht einsehen, daß unsere Ideen die besseren sind, dann therapieren wir eben so lange an ihnen rum, bis sie aufgeben und sich alles gefallen lassen.Schließlich soll so ein Hund froh sein, daß es ihm bei uns so gut geht, oder?

Und Asylbewerber sollen sich mal schön ganz hinten anstellen und abwarten, bis wir ihnen die Krumen vom reichgedeckten Tisch runterwerfen – wohlgemerkt, der Tisch ist so reich gedeckt, weil wir den Rest der Welt ausbeuten und denen, die wir jetzt wie den letzten Dreck behandeln, ihre Lebensgrundlage erfolgreich streitig gemachen haben. Ist ja auch wieder sehr praktisch, dieser Krieg in Syrien – heute war das Benzin schon wieder billiger.

Hunde wollen uns manipulieren und beherrschen, wenn wir nicht aufpassen, und Asylanten – naja, mußt ja nur nach Köln kucken!

Wir leben alle in einer Welt und alle haben die gleichen Rechte – egal ob Menschen oder Tiere – egal ob schwarz oder weiß – egal welches Geschlecht, welches Alter….. Schneller als wir denken, werden sich die Petrys und Storchs durchsetzen, wenn wir nicht aufpassen – nur weil wir Angst haben, der Wahrheit ins Auge zu sehen und die Konsequenzen daraus zu ziehen. Weder bringt es was, wenn wir Hunde mit Druck und Zwang erziehen, noch helfen wir uns selber, wenn wir mit Menschen anderer Länder umgehen, als wären sie unsere Leibeigenen –  oder einfach hinnehmen, daß andere sie wie Leibeigene und Sklaven behandeln.

Wer dafür ist, daß für Hunde im Ausland etwas getan wird und wer Hunde aus dem Auslandstierschutz adoptiert, der muß auch dafür sein, daß hilfesuchende, schwer traumatisierte Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten bei uns Schutz und Hilfe finden und nicht schußbereite Gewehre an der Grenze. Wer sich aufregt, daß Leute Hunde aus dem Ausland adoptieren und sie nach wenigen Wochen wieder abschieben, weil sie eben keine Kuschelbärchen sind, der muß sich auch über den Umgang mit Asylbewerbern und diese gruselige Bereitwilligkeit, sie schnellstmöglich wieder ins Elend zu treiben, aufregen. Wo ist der Unterschied? Sind die, die auf vier Beinen laufen schützenswerter als die mit den zwei Beinen?

In den letzten Tagen habe ich viele Posts auf Facebook gelesen, die ankündigen, daß jeder der sich mit diesen schrecklichen, schrillen Tönen –  nicht nur – von der AfD gemein macht, sofort und unwiderruflich von der Freundesliste gestrichen wird. Das finde ich sehr erfreulich, denn tatsächlich sind viele, die vorher doch immer mal wieder da eine gewisse Tendenz haben durchblicken lassen, offenbar ins Nachdenken gekommen und halten sich zumindest ein wenig zurück. Sehr viel erfreulicher wäre allerdings, wenn sich endlich die Erkenntnis durchsetzen würde, daß alle Lebewesen auf dieser Welt Hilfe und Verständnis bekommen müssen, wenn sie sie brauchen – nicht nur Streunerhunde aus Rumänien, sondern auch schwarze Menschen aus Afrika oder Muslims aus Afghanistan oder Syrien. Das würde nämlich bedeuten, daß wir diese sog. „westlichen Werte“ mal etwas ernster nehmen.

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….. und dann knurrt er auch noch!

von Ute Rott
Forsthaus Metzelthin

Man muß es ehrlich zugeben: der Schrott, der in den Medien über Hunde verbreitet wird, nimmt ganz langsam ab und hin und wieder liest man auch vernünftige Sachen – und das nimmt allmählich zu. So wissen jetzt mittlerweile viele Leute, daß Knurren ein Warnlaut ist. Das ist zunächst gut. Nur: was fangen sie mit der Information an?

Konkretes Beispiel: ich werde zu einer Familie gerufen, die seit knapp 4 Wochen einen jungen Hund von ca. 5 Monaten haben. Der kleine Kerl kam verängstigt und vernachlässigt zu ihnen, über die Vorgeschichte wissen sie nichts, nicht wo er herkam, wie er aufgezogen wurde, warum er abgegeben wurde…. nichts. Aber er ist sehr süß, so ein kleiner Terriermix mit großen dunklen Augen und grauschwarzem Wuschelfell, total niedlich. In ganz kurzer Zeit gibt es große Probleme mit ihm und man denkt ernsthaft daran, ihn wieder abzugeben, denn: er verbeißt sich in allem und jedem, läßt er nicht mehr los und dann knurrt er auch noch! Und das ist doch ein Warnlaut! Was wird passieren, wenn die Tochter mit dem kleinen Enkel kommt? Wird er den dann gleich beissen? Und wird er seine Familie irgendwann beissen?

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Warum warnt er überhaupt? Es geht ihm doch gut. Jeden Tag wird mit ihm 5-6 Mal spazieren gegangen, es wird viel mit ihm gespielt, das was er gerne mag, z.B. spielt er total gerne mit Zotteln, liebt Ballspiele, tobt mit dem 9jährigen Sohn durchs Haus, alles ganz super – und plötzlich verbeisst er sich im Hosenbein und läßt nicht mehr los. Oder wenn er im Sessel liegt und schläft und man will in streicheln – knurrt er plötzlich! Was soll das denn? Warum warnt er denn? Will er wirklich zubeissen? Die wirklich nette Familie ist total verunsichert.

Unser kleine Beispielhund, den es genau so gibt, hat ganz andere Bedürfnisse als jeden Tag stundenlang spazieren zu gehen oder rumzutoben. Der ist eigentlich noch gar nicht richtig angekommen, weil er nie in Ruhe gelassen wird. Warum wurde er abgegeben? Da kann es nicht so viele Möglichkeiten geben. Entweder es handelt sich um Hundevermehrer, die möglichst niedliche Hunde züchten und da blieb ein schwarzer (nicht sooo niedlich) übrig und der wird dann unters Volk geworfen. Oder jemand hat sich unüberlegt einen Hund angeschafft, kommt damit nicht klar und ist froh, wenn er ihn abschieben kann. In beiden Fällen habe ich ein Hundekind, das schwer traumatisiert ist. Niemand hat sich jemals wirklich um die Bedürfnisse dieses Hundekindes gekümmert, er wurde nur rumgeschubst, weitergegeben, nicht wirklich erzogen, geliebt, versorgt. Jetzt kommt er dort an, wo man das versucht, aber anstatt zu überlegen, daß dieses Hundekind jetzt vorallem Ruhe, Geborgenheit und Sicherheit braucht, wird er behandelt wie ein lebendes Spielzeug.

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Den wenigsten Menschen ist das bewußt. Sie denken: jetzt geht es ihm gut und ein Kind ist er auch noch und Kinder wollen spielen, also, los gehts! In seiner Verzweiflung verbeißt er sich z.B. in einem Ärmel, weil er zu sehr bedrängt wird. Erst ist das lustig, nach dem ersten Loch nicht mehr – oder wenn er die Haut ritzt oder die neue Hose kaputt macht. Aber weil er selber nur gelernt hat, daß er bedrängt wird und seine Bedürfnisse nicht erkannt werden, kann er gar nicht aufhören, sondern macht immer weiter – die Menschen machen ja auch weiter: wenn er den Ärmel losläßt, holen wir eben den Ball. Ein „Hundeexperte“ aus der Nachbarschaft hat gesagt: „Terriermix! Oho! Der braucht viel Beschäftigung und Bewegung!“ Also geht es weiter und weiter – bis es sogar den Menschen zuviel wird. Dann legt er sich endlich in seinen Sessel – und zack ist jemand da, der ihn streicheln möchte – weil er so süß aussieht! Herr im Himmel, denkt er, ist denn nie Ruhe! Und knurrt.

Bitte nicht lachen! Es ist nicht komisch, sondern traurig. Ja, knurren ist ein Warnlaut und heißt: es reicht jetzt echt, lass mich endlich in Ruhe! Und wenn die Menschen nicht aufhören, sondern weitermachen, wird jeder Hund irgendwann zumindest abschnappen, egal wie nett sie zu ihm sind.

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Was brauchen junge Hunde, egal ob mit trauriger Vorgeschichte oder aus guten Händen, tatsächlich? Sie brauchen Menschen, denen klar ist, daß Erziehung und Hundeaufzucht vor allem darin besteht, einem Hund die Welt zu zeigen und zu erklären – so wie seine Mama das machen würde. Sie brauchen jemanden, der sich Zeit nimmt, nicht jeden Tag viele Stunden, sondern immer wieder ein paar Minuten, der da ist, wenn der Kleine ihn nötig hat und Sicherheit und Rückhalt braucht. Lange Spaziergänge: ja, das kommt schon noch. Aber erstmal muß er lernen: wo lebe ich hier überhaupt? In der Stadtmitte in einer Etagenwohnung mit Treppen, Hinterhof und Straßenlärm? Oder im Einfamilienhaus mit großem Garten? Wie ist meine nächste Umgebung? Gibt es hier Hunde, lärmende Kinder, alte Leute mit Rollater, Autos,  Fahrradfahrer, Jogger, Kühe, Pferde….. Welche Straßen, Wege, Plätze gibt es in unserer Nähe? Wenn ich links oder rechts gehe, wo komme ich da hin? Und wie komme ich wieder nach Hause? Wie riecht eine Wiese, ein Kinderspielplatz, ein Grünstreifen, ein Straßenrand, ein Flußufer, ein Baum? Kann man Kaugummipapier fressen oder tauscht man das besser gegen ein Leckerchen? Nach so einem Erkundungsgang ist erstmal Pause angesagt, richtig Pause mit schlafen und ruhen, damit er diese vielen Eindrücke, Gerüche, Geräusche überhaupt verarbeiten kann.

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Was ich hier beschrieben habe, ist kein Tagesprogramm, sondern zieht sich über Monate hin. Es geht nicht nur darum, je Lebensmonat max. 5 Minuten spazieren zu gehen, sondern darum, in dieser Zeit die Welt zu erkunden – und zwar in dem Tempo, das der kleine Hund braucht, nicht in Menschentempo: das machen wir jetzt mal schnell. Erziehung bedeutet nicht: mein kleiner Freund muß alles machen, was ich von ihm möchte – auch dann nicht, wenn ich freundlich bin und ihm alles nett und lieb beibringe. Erziehung heißt: ich weiß, was du für Bedürfnisse hast, gehe darauf ein, passe mein Tempo deinem an, ich zeige dir die Welt und wie Leben geht. „sitz, platz, fuß“ machen wir auch noch – und zwar da, wo es sinnvoll ist. Spielen? Ja, klar. Aber so, daß du dich nicht aufregen mußt, daß du gewinnen kannst und nicht immer Angst vor meiner körperlichen Überlegenheit haben mußt, so daß es uns beiden Spaß macht und wir beide hinterher zufrieden sind – also kurz und ruhig und mit Köpfchen. Und ganz viele Dinge machst du allein, mit mir an deiner Seite, damit dir nichts passiert: schnüffeln, erkunden, beobachten, so wie du das möchtest. Ich pass schon auf, daß dir nichts passiert. So lernst du, mir zu vertrauen, weil ich nichts von dir fordere, was du nicht kannst oder möchtest und wir wachsen ganz allmählich zum Dreamteam zusammen.

Hundeplatz 048Natürlich bin ich heilfroh, wenn Hundebesitzer knurren als Warnlaut verstehen und nicht denken: jetzt geht der Kampf um die Vorherrschaft los. Das ist ein Riesenschritt in die richtige Richtung. Aber es gibt noch viel zu tun, gerade was Welpen- und Junghundaufzucht betrifft. Weil aber viele Menschen auf einem guten Weg sind, sollte es durchaus möglich sein, alle diese Erkenntnisse unters Volk zu bringen.

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Angsthunde

Das Buch „Angsthunde“ von Bettina Specht ist das neueste Buch im animal learn Verlag. Um es vorweg zu nehmen: dieses Buch gehört in jedes Bücheregel jedes Hundetrainers, jedes Tierschützers und selbstverständlich jedes Hundehalters, der einen Angsthund hat. Und es sollte nicht nur im Regal stehen, man sollte es lesen, sich unters Kopfkissen legen und immer griffbereit haben, falls man mal eine Ermunterung oder Information braucht.

Bettina Specht arbeitet als Hundetrainerin in Tirol und hat ihre Ausbildung bei animal learn gemacht. Sie hat nicht nur selber Angsthunde aus dem Tierschutz aufgenommen, ein wichtiger Teil ihrer Arbeit ist das Training mit Angsthunden.

Dieses Buch bietet keine Patentrezepte, wie man mit einem Angsthund umgehen muß, wie man ihn am besten trainiert, was er lernen soll oder auch nicht, denn Bettina Specht lebt selber mit mehreren Angsthunden zusammen und weiß aus leidvoller Erfahrung, daß  gerade diese Hunde ein sehr individuelles Herangehen, viel Zeit, viel Geduld und viel Einfühlungsvermögen brauchen, damit wir ihnen ein lebenswertes Leben ermöglichen können.

Sie beginnt mit der Definition von Angst und Furcht und erklärt in den ersten Kapiteln ausführlich und sehr kompetent, wie Angst entsteht, was sie auslöst und wie sie sich auf das Leben des Hundes auswirkt. Dazu geht sie detailliert nicht nur auf neurophysiologische Erkenntnisse ein, sie erklärt auch genau den Zusammenhang zwischen Angst und Schmerzen, wie sich die Körpersprache bei Angsthunden verändert und wie sich Angst auf das gesamte Verhalten des Hundes auswirkt. Nachvollziehbar für jeden Laien wird die Neurobiologie der Angst erklärt, wie man einem Angsthund erstmal in sein neues Leben hilft, welche Prioritäten man hier setzen muß.

Denn es ist ein Riesenunterschied, ob Sie einen Hund aus dem Tierschutz oder aus 2. Hand übernehmen, der auch seine Probleme hat, aber ein eher gutes Vorleben hatte, oder ob ein schwer traumatisierter Hund bei ihnen einzieht, der Angst hat zu urinieren, zu koten, zu fressen, zu trinken, zu schlafen, zu wachen, zu atmen, der Angst hat vor Ihnen, vor Ihrem Partner, vor dem Haus, dem Garten, dem Auto……….. der Angst hat zu leben und einfach nur noch da ist, weil er noch nicht gestorben ist. So einen Hund nach Methode XY zu „trainieren“ dürfte sich als äußerst schwierig erweisen. Ebenso verbieten sich jegliche Gewaltmaßnahmen wie „den hol jetzt hinter dem Sofa vor, der soll sich nicht so anstellen“ eigentlich von selbst. Aber was tun, wenn der Hund seit Tagen oder Wochen nur nachts auf leisen Pfoten hinter dem Schrank oder unterm Sofa vorkommt?

Sehr anschaulich erläutert sie an eigenen Erlebnissen und an der Geschichte ihrer Hunde, wie es nur eine Möglichkeit gibt, sich einem Angsthund seelisch und körperlich so zu nähern, daß er lernt Vertrauen zu fassen, Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen aufzubauen und so endlich leben zu können. Und das ist: Zeit, Zeit, Zeit, Geduld, Geduld, Geduld und mehrere Tonnen Einfühlungsvermögen. Ebenso räumt sie mit Idealvorstellungen auf, wie man leicht und locker einem Angsthund über seine Angst hinweghelfen kann: nein, Wohlfühlwörter, so gut sie in vielen Situationen helfen mögen, sind kein Allheilmittel und funktionieren gerade in schwierigen Situationen eben meistens nicht. Ebenso sollte man mehr als vorsichtig sein mit Psychopharmaka, da diese meist mehr versprechen als sie halten. Die Anwendung kann nur dann sinnvoll sein, wenn ein erfahrerer Tierarzt den Hund behandelt, und es kann nur eine Möglichkeit von vielen sein, den Fuß in die Tür zu bekommen. Der Punkt Psychopharmaka hätte von mir aus gerne noch etwas auführlicher sein können, gerade was die unerfreulichen Nebenwirkungen anbelangt.

Ausführlich wird erläutert, was zu tun ist, wenn so ein Hund einzieht. Wie wird er gesichert, wie soll man ihn füttern? Nein, die beste Rohfütterung der Welt hilft nichts, wenn er gewohnt ist, Mülltonnen nach Spaghettiresten zu durchwühlen, dann gibt es eben erstmal Spaghetti. Wie kann dieser Hund erstmal zur Ruhe kommen: indem man in einfach in Ruhe und ihn schlafen, schlafen, schlafen läßt. Welche Rituale und Strukturen helfen? Was kann ich trainieren und wie? Welche Signale sind nützlich? Welche Trainingsmethoden gibt es? Wann kann ich überhaupt anfangen zu trainiern? Welche Methoden kann man anwenden, welche sollte man meiden? Zu denen die man meiden soll, gehört unbedingt das „Flooding“, auch bekannt als Reizüberflutung. Ich bin Bettina Specht sehr dankbar dafür, daß sie diesem Punkt einen ausführlichen Platz eingeräumt hat, denn immer wieder hört man, daß das die beste Art sei, einen – ohnehin schon überforderten, weil reizüberfluteten – Hund an seine neue Umwelt zu gewöhnen. Aber auch bei allen anderen Methonden gilt: das geht erst dann, wenn der Hund dazu bereit ist, immer muß alles in kleinsten Schritten passieren und immer steht das Wohl des Hundes im Vordergrund.

Dann wird noch genau erläuert, welches Zubehör man dringend braucht, z.B.  Brustgeschirr und  – in diesem Ausnahmefall – ein Sicherungshalsband, Leine, GPS-Sender am Brustgeschirr, Körperbandage….. Was kann ich zur Entspannung meines Hunde beitragen? Was mache ich, wenn er mir entlaufen ist? Das kann immer passieren, selbst wenn man noch so gut aufpasst.

Es gibt in jedem Buch einen Schlüsselsatz. In „Angsthunde“ ist das für mich dieser Abschnitt auf Seite 66: „Ich begann damit, Nisha zu beobachten. Dabei habe ich versucht herauszufinden, was sie fühlt. Was macht ihr Spaß? Gab es da überhaupt irgendetwas? Über dem ganzen Training hatte ich nämlich vergessen, auf meinen Hund zu schauen, mich in ihn hineinzuversetzen.“ Das ist ein Satz, den sollte sich jeder Mensch mit Angsthund übers Bett hängen, so daß er ihn beim Aufwachen jeden Tag sieht und liest. In vielen Fällen bekommt einen den Eindruck, die Gefühle und Probleme des Hundehalters spielen eine viel wichtigere Rolle als die des Hundes. Empahtie bedeutet aber: sich einfühlen in den anderen und eben auch herausfinden, was er braucht – er nicht ich.

Wissen Sie was? Ich höre jetzt hier auf, sonst schreibe ich das Buch nochmal und dazu bin ich nicht ansatzweise so befähigt wie Bettina Specht. Also gehen Sie los und besorgen Sie es sich, Sie werden es nicht bereuen. Ein letzter Hinweis: nehmen Sie sich Zeit zum Lesen, denn Sie werden dieses Buch erst wieder weglegen, wenn Sie auf der letzten Seite angekommen sind.

Angsthunde

Bettina Specht, Angsthunde, animal learn Verlag, ISBN 978-3-936188-68-4, € 19,90

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Motivation nur per Knopfdruck?

Warum man mit Hunden auch ohne Motiavtionsmarathon klar kommt.
von Ute Rott
Forsthaus Metzelthin
(Dieser Artikel erschien 2013 in der Zeitschrift Canisund)

Ein kleiner Hund zieht im zarten Alter von 10 Wochen bei einer neuen Familie ein. Alle freuen sich, nach der Eingewöhnungszeit auch die Pelznase, und die ganze Familie ist schwer damit beschäftigt, den Kleinen zu erziehen. Dazu gehen sie in eine Hundeschule, die mit positiver Motivation arbeitet, also den kleinen Kerl für alles belohnt und bestätigt, was er gut und richtig macht. So weit, so gut. Nur gehen die Meinungen auseinander, was gut und richtig ist, bzw. was so ein Hund im Alltag mit seinen Menschen tatsächlich braucht.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA Für viele Hundehalter und leider auch für viele Trainer soll der Mensch im Mittelpunkt des Hundelebens stehen und zwar ohne Wenn und Aber. Und dazu wird der Hund motiviert auf Teufel komm raus. Denn nach wie vor sind die allermeisten Menschen davon überzeugt, daß man Hunde „zum Mitmachen“ motivieren muß. Und das sollten wir uns etwas genauer ansehen. Der kleine Kerl hat ja seine Mama, seine Geschwister und die Menschen verloren, die ihn seit seiner Geburt begleitet und angeleitet haben. Er hat gelernt, wie er mit allen umgehen kann, so daß die Welt in Ordnung ist, daß die Mama sich liebevoll um ihn kümmert und ihn beschützt. Seine Menschen haben mit ihn lieb gehabt, aber auch schon mal das eine oder andere untersagt und ihn ebenfalls vor Gefahren beschützt…. wie es mit Welpen eben in den ersten Wochen ihres Leben so läuft.

welpen-barfen-01Auch in der neuen Familie läuft das erstmal so. In der Hundeschule lernen seine Menschen, dann daß man ihn zu allem und jedem motivieren muß, z.B. muß er ständig auf seine Menschen achten, muß sie immer im Blick haben und muß immer darauf sehen, daß er in ihrem näheren Umkreis bleibt….. Am Anfang klappt das auch ganz gut, da Welpen sich die ersten Wochen nur wenig von ihren Menschen lösen und ihnen nachlaufen „wie ein kleiner Hund“. Nur mit der Zeit, wenn die Pelznase so fünf. sechs Monate alt ist, fängt der Kleine an, die Welt ein bißchen genauer zu erkunden und auch mal ungeplante Ausflüge zu unternehmen. Und spätestens jetzt fängt der Motivationsmarathon an. Da wird in den höchsten Tönen gequietscht und gelobt, was das Zeug hält, da wird geclickert und mit Leckerchen um sich geschmissen, daß es eine wahre Freude ist. Wenn Mensch viel Glück hat, diesen ganzen Stress durchsteht, und sein Hund irgendwann einfach aufgibt, bekommt er einen Hund, der ihn permanent im Auge behält und dafür im Gegenzug für jeden Blickkontakt zur Belohnung ein „click – priiimaa!“ mit Leckerchen bekommt. Schlimm? Ich finde schon.

Berta 15.08.2011 011Versetzen Sie sich einfach in die Situation des jungen Hundes. Er fühlt sich so sicher in seiner Welt, daß er sich durchaus mal traut, ein bißchen mehr zu erkunden. Und das ist normal und sollte in vernünftigen Grenzen gefördert werden. Denn wenn er kein Interesse an der Welt hätte, würde das auf eine schwere psychische Störung hinweisen, dann könnte das z.B. bedeuten, daß er von klein auf so unterdrückt wurde, daß er überhaupt kein Selbstvertrauen aufbauen konnte. Die Pelznase in unserem Beispiel konnte das, ist also eigentlich alles gut gelaufen. Nur haben Menschen sehr sonderbare Vorstellungen, was Hunde dürfen und was nicht, z.B. ist eines der Kapitalverbrechen: Hund unternimmt etwas auf eigene Initiative und hat auch noch Spaß dabei. Und um das zu unterbinden, treibt die Phantasie mancher Menschen ungeheure Blüten. Damit das nicht zu theoretisch bleibt, hier zwei Beispiele aus der Hundeschule.

Welpen FJ 07 013Als ich hier in Metzelthin anfing als Trainerin zu arbeiten, meldete sich eines Tages ein Mann mit einer Dackelhündin an, die nach seiner Aussage extrem dominant sei, sich immer durchsetzen und alles kontrollieren wolle. Jetzt traut man einem Dackel allerhand zu und ich machte mich auf eine kleine Tyrannin gefaßt. Wie erstaunt war ich, als der Kunde die Klappe seines Kombis öffnete und mich ein freundliches, kleines Dackelmädchen anlachte. Sehr fidel sprang sie heraus und nach einer ausgiebigen Begrüßung machte sie sich an die Erkundung des Hundesplatzes. Irgendwo fand sie ein Stöckchen, mit dem sie sofort ein lustiges Spiel begann: in die Luft werfen, auffangen, rumtragen, drauf wälzen…. sie hatte allerhand Ideen und machte einen absolut ausgeglichenen und fröhlichen Eindruck. Wir standen daneben und zumindest ich hatte meine helle Freude. Ihr Herrchen war dagegen voller Sorge und er fragte permanent, ob sie das auch dürfe. Sie durfte und ich konnte ihn auch beruhigen: es handelte sich weder um einen Kontrollfreak noch um eine Haustyrannin, sondern einfach um eine kleine Hündin, die sich ihres Lebens freute. Und das ist erlaubt, auch wenn der Mensch nicht der direkte Anlass dazu ist, deshalb muß der Hund keinen Antrag einreichen.

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Das zweite Beispiel hat etwas Tragisches. Auf einem Messestand bei der Heimtiermesse in Berlin konnte ich ein paar Jugendliche beobachten, von denen jeder einen Hund dabei hatte. Die jungen Leute machten nicht den Eindruck, als seien sie selber von militaristischem Gehorsam angetan, aber ihre Hunde waren einem wahren Clickerfeuer ausgesetzt. Ununterbrochen mußten sie ihre Menschen ansehen und bekamen fast im Sekundentakt jedesmal ein begeistertes „priiiimaaa – click!“ und dazu ein Leckerchen. Man kann beruhigt annehmen, daß diese Hunde geistig zu nichts mehr in der Lage waren, da sie überhaupt keine Zeit hatten, irgendetwas auf dieser Welt zu bemerken außer ihren dauerbestätigenden Menschen.

Welpen FJ 07 012Während das Beispiel mit dem Dackelchen relativ leicht abzuhaken ist, ist diese Bestätigungswut von etwas angeblich richtigem wie im zweiten Beispiel eine absolute Horrorvorstellung. Wo bitte ist hier für den Hund der Unterschied, ob er in ein permanentes Fuß- oder Platzkommando mit exakt vorgeschriebenem Abstand zum Menschen – z.B. Schnauze exakt in Kniehöhe – gezwungen wird oder ob er mit angeblich positiver Motivation Dauerblickkontakt zu seinem Menschen halten soll? So oder so wird er Hund zur Konditionierungsmaschine herabgewürdigt und in eine tierschutzrelevante Abhängigkeit gezwungen. Ob er jetzt auch mal gelobt oder mit Leckerchen belohnt wird, ist nicht mal mehr zweitrangig.

Oktober 07 042 xEs gibt ein paar Tatsachen, die sollte man sich als Hundehalter immer wieder ins Bewußtsein rufen:
1. Allzu großer Erkundungsfreude und Selbständigkeit hat die Natur bei jungen Hunden einen sehr effektiven Riegel vorgeschoben. Das sind die sog. Fremdelphasen oder spooky periods. Diese treten ca. 4-5 Mal im Leben eines jungen Hundes ein und machen ihn für kurze Zeit, meistens 1-2 Wochen, allem Neuen gegenüber mißtrauischer und vorsichtiger. Sie sind immer eine Folge erhöhter Erkundungsfreude und bewirken, daß der Hund das Erlernte verarbeiten kann und sich nicht übernimmt. Frei nach dem Motto: es ist besser eine Mahlzeit zu versäumen, als eine zu werden. Der Mensch muß eigentlich nur noch darauf achten, ihn freundlich an Neues heranzuführen, ihm genügend Gelegenheit geben, gefahrlos unbekannte Dinge zu erforschen und ihm in der Fremdelphase Sicherheit zu vermitteln.
2. Hunde sind grundsätzlich motiviert, mit uns zusammen zu arbeiten. Einfach so. Wenn das nicht so wäre, gäbe es keine Hunde bei uns. Oder glaubt irgendjemand, ein Viehhirte, Jäger oder Bauer vergangener Zeiten hätte mit der Motivation seiner Hunde einen Riesenaufwand betrieben? Warum auch? Hunde und Menschen sind dazu geschaffen in sehr komplexen Sozialverbänden zu leben. Und das bedeutet, daß man auf einander achtet, daß man kooperiert und großes Interesse an Kooperation und Kommunikation hat. Ich bin sogar davon überzeugt, daß für die meisten Hunde einfach das Zusammensein mit ihren Menschen selbstmotivierend ist, zumindest solange wir die Bedürfnisse der Hunde richtig einschätzen und auf sie eingehen.
3. „Motivation“ kann auch als Druckmittel fungieren. Vor allem gilt das dann, wenn der Hund Dinge tun soll, die nicht wirklich hundgemäß sind, z.B. permanenten Blickkontakt mit seinem Menschen halten, oder nicht weiter als zwei Meter weggehen oder niemals zum Schnüffeln oder Pipimachen stehen zu bleiben, ohne daß der Mensch das erlaubt. Stimmt, zu solchen Dingen muß man seinen Hund motivieren, denn das würden sie von sich aus nicht tun. Wir übrigens auch nicht. Kein Mensch würde sich von seinem Partner eine derartige Tyrannei gefallen lassen – außer man hat ein äußerst merkwürdiges Verständnis von Partnerschaft oder liebt z.B. goldene Käfige.

Und schließlich und endlich: jedes Lebewesen hat ein Recht darauf, Eigenständigkeit und Selbständigkeit zu erlangen. Das sollte ein wichtiger Aspekt in der Hundeerziehung sein. Denn Erziehung bedeutet: ich zeige dir wie Leben geht und wie wir beide gut zusammen durchs Leben kommen. Erziehung bedeutet auch: ich als Mensch übernehme die Verantwortung für ein mir anvertrautes Lebewesen und ich trage Sorge dafür, daß es in allen Lebenslagen gut zurecht kommt, auch mal ohne meine Hilfe. Denn was passiert, wenn wir getrennt sind und niemand da ist, um alles und jedes zu clickern?

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Wenn Sie jetzt vermuten, daß ich etwas gegen den Clicker oder gegen Leckerchen oder gar gegen Loben haben, dann muß ich Sie enttäuschen. Alle drei Varianten gehören bei mir zum Repertoire. Es nur hier wie überall: die Dosis macht’s.

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Rohfüttern ja – aber nicht ehe ein Hund ausgewachsen ist?

von Ute Rott
Forsthaus Metzelthin

Folgendes Szenario : eine Frau sitzt mit ihrem Baby beim Kinderarzt und spricht mit ihm darüber, wie sie ihren Kleinen ernährt. Sie stillt ihn, möchte das auch möglichst lange tun, dann plant sie, wenn sie anfängt zuzufüttern, alles selber zu machen und nach Möglichkeit so lange wie es nur geht vermeiden, daß ihr Liebling mit industriell gefertigter Nahrung in Berühung kommt. Denn sie weiß ja, daß dort viele Dinge enthalten sind, die nicht gesund für Babys sind und ungeahnte Folgen haben können. Hört sich gut an, oder? Und jetzt stellen Sie sich bitte vor, der Arzt würde so reagieren: „Nein, gute Frau, das dürfen Sie auf keinen Fall machen. Hören Sie sofort mit dem Stillen auf, und geben Sie ihm auf keinen Fall selbstgefertigten Gemüsebrei. Frisches Gemüse, Obst und Salat sollte er auch niemals vor dem 14. Lebensjahr bekommen. Vorher ernähren Sie ihn mit dieser Spezialnahrung für männliche Kinder im Alter von 0 – 3 Jahre, dann gibt es ein Folgeprodukt, das den Bedürfnissen ihres Kindes optimal angepasst ist. Darin ist alles enthalten, was er zu einer gesunden Entwicklung braucht. Ab dem Alter von 14 Jahren, können Sie dann ganz langsam anfangen, ihn an natürliche Nahrung heranzuführen.“

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Klingt ziemlich irre, oder? Aber wenn Sie sich jetzt anstelle eines Kindes einen Welpen vom Züchter denken, den Kinderarzt durch einen Tierarzt oder auch durch den Züchter ersetzen und die verschiedenen Altersangaben anpassen, dann haben Sie genau das, was viele Tierärzte und Züchter Welpenbesitzern sagen: ja nicht roh füttern, vor der Kleine ein Jahr als ist, sonst geht alles in die Hosen.

Frage: wenn es für Menschen nachweisbar deutlich gesünder ist, von Anfang an natürliche Nahrung zu essen, warum im Himmels willen sollte das dann bei Hunden anders sein? Es ist hinreichend bekannt, daß der Welpe seine Darmflora bei der Geburt von der Mutter bekommt. Je nachdem wie diese ernährt wurde, ist die Darmflora gesund oder mehr oder weniger geschädigt. Eine Hündin, die mit Industierfutter gefüttert wird, kann im Gegensatz zu einer roh gefütterterten ihren Kindern eben nichts gescheites mit auf den Weg geben. Aber man kann gerade bei Welpen sehr viel retten, wenn man sie von Anfang an roh füttert – und zwar mit viel Pansen und Blättermagen, damit sich eine gute Darmflora bilden kann. Wartet man erstmal eine Weile ab, z.B. das erste Jahr, dann kann es sein, daß die Darmflora richtig kaputt ist und man eine mühsame Darmreinigung und -sanierung vornehmen muß. Die Wahrscheinlichkeit, daß der Hund nie wieder richtig gesund wird, ist leider relativ groß. Auch die Auswirkungen auf den Skelettaufbau sind gerade im ersten Lebensjahr gravierend. Warum, glauben Sie, haben so viele Welpen und Junghunde schon massive Probleme mit den Gelenken – auch wenn ihre Besitzer gut darauf aufpassen, daß sie sich körperlich nicht überanstrengen?

MINOLTA DIGITAL CAMERABeispiel: Unser Maxl wurde bei seinem ersten Frauchen mit der gelben Gefahr = Pal Pedigree gefüttert. Wir stellten ihn sofort um. Angeblich hatte er überhaupt keine Probleme mit der Verdauung, aber bei uns zeigte sich ganz was anderes. Wir füttern generell so gut wie keine Kohlehydrate, also kein Getreide. Ab und zu gab es allerdings mal ein Stück gekochte Kartoffel, weil er mit tropfendem Zahn daneben saß, wenn wir Pellkartoffeln schälten. Ergebnis: ein bis zwei Stunden später war ihm sterbensschlecht, er mußte dringend raus, stopfte Unmengen an Gras in sich rein, kotzte, fraß wieder Gras, kotzte, das ganze so drei-, viermal, dann war alles vorbei. Es dauerte lange, bis wir draufkamen, daß  ein winziges Stückchen Kartoffel das alles auslöste. Seit er keine mehr bekommt, ist alles gut. Kartoffeln sind wahrlich kein Hundefutter, aber ein gesunder Hund kommt damit sehr wohl klar. Ein Hund mit einer vorgeschädigten Darmflora dagegen nicht.

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Noch ein Beispiel: der Hund einer Kundin von mir hatte mit ca. 6 Monaten eine Not-OP, der Darm war an einer Stelle fast dicht und ohne OP wäre er gestorben. Sie fütterte ihn mit dem „teuersten und besten“ Trockenfutter, das sie nur auftreiben konnte, aber er hatte permanent Probleme mit der Verdauung, mit den Augen und Ohren und war überhaupt eine ziemliche Baustelle. Auf meine Veranlassung hin stellte sie ihn mit ca. 1,5 Jahren um, es wurde auch etwas besser, aber da er nicht täglich Pansen oder Blättermagen bekam, hatte er häufig rote, entzündete Augen. Das wurde erst besser, als er jeden (!) Tag bei mindestens einer Mahlzeit Pansen oder Blättermagen zu fressen bekam. Der Pansen mußte frisch sein, damit alle notwendigen Bakterien erhalten blieben, er war selber nämlich kaum noch in der Lage, die notwendige Darmflora zu produzieren. Zudem mußte der Arme eine sehr langwierige Darmreinigung auf sich nehmen, was auch eine lange Fastenzeit zur Darmsanierung beinhaltete.

2015-01-23 15.20.11

Denn es stimmt eben nicht: im Industriefutter ist nicht alles drin, was der Hund braucht, ganz im Gegenteil, Industriefutter macht Hunde krank. Und gerade Welpen haben das Recht, vernünftig ernährt zu werden. Und vernünftig heißt: roh füttern, viel Pansen und Blättermagen, damit der aus dem Kleinen wirklich ein Prachtkerl wird.

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