Sensible Zeiten im Leben eines Hundes – die Fremdelphasen

Eltern kennen das: das Baby, das sich über jeden gefreut hat, der in seinen Kinderwagen reinschaut, bekommt von jetzt auf gleich hysterische Kreischanfälle, wenn die Oma kommt, die das letzte Mal vor zwei Wochen da war. Im Leben aller Kinder gibt es diese Phase, sie heißt Fremdelphase. Bei Kindern geht man davon aus, dass es nur eine dieser Phasen gibt, nämlich im Alter von 6 bis 8 Monaten. Ich vermute allerdings, dass es bei Kindern mehr davon gibt – genau wie bei Hunden.

Bei Hunden können wir von mindestens 4, eher 5 Fremdelphasen ausgehen und jeder Hundebesitzer wurde schon mal damit konfrontiert, hat sich gewundert, was mit seiner Pelznase los ist und sofort wieder vergessen, als es vorbei war. Leider. Und leider wissen nach wie vor viel zu wenige Menschen, die mit Hunden zu tun haben, was es damit auf sich hat: TrainerInnen, ZüchterInnen, TierschützerInnen und natürlich HundehalterInnen.

Die erste Fremdelphase ist zuverlässig zwischen der 9. und 10. Woche, sie dauert ca. eine Woche.
Die zweite Fremdelphase beginnt ungefähr mit 4,5 Monaten und dauert zwei bis drei Wochen.
Die dritte Fremdelphase beginnt ungefähr mit 9 Monaten und dauert ebenfalls zwei bis drei Wochen. Da sie oft zusammenfällt mit dem Beginn der Pubertät, wird sie in der Regel übersehen oder falsch eingeordnet.
Die vierte Fremdelphase beginnt etwa mit 1,5 Jahren und dauert ebenfalls zwei bis drei Wochen.
Die fünfte und letzte Fremdelphase beginnt ca. mit 2 – 2,5 Jahren und dauert auch zwei bis drei Wochen.

Wann die 2.-5. Fremdelphasen auftreten, ist individuell und rassetypisch unterschiedlich, ebenso die Dauer. Die angegeben Zahlen sind also nur Richtwerte.

Was hat es damit auf sich und wie sollten die betroffenen HundehalterInnen damit umgehen?

Die meisten Welpen kennen bis zu Beginn der ersten Fremdelphase keine Furcht vor gar nix. Sie gehen neugierig auf alles zu, interessieren sich für alles und finden alles prima. Wenn sie das im Leben beibehalten würden, würden sie nicht besonders lange leben, da sie nicht lernen würden, Situationen richtig einzuschätzen, also auch mal festzustellen, dass man sich hier und jetzt vom Acker macht, oder sich besser vorsichtig annähert. Das ist lebensverlängernd. Man könnte es also auf den kurzen Nenner bringen:
In den Fremdelphasen, ganz besonders in den beiden ersten, lernt der kleine Hund potentielle Gefahren vorsichtig abzuklären, denn es ist besser eine Mahlzeit zu versäumen als eine zu werden.

Wenn so ein kleines Hundekind in der ersten Fremdelphase noch bei seiner Mutter ist, kann in der Regel nicht viel schief gehen. Die Mutter weiß automatisch, was zu tun ist: sie gibt ihrem Kindern Rückhalt und Sicherheit, beschützt sie vor Ungemach und ist einfach da. Das reicht. Leider ist das zumindest bei Rassehunden, aber auch bei anderen Hunden von „Züchtern“ oder Vermehrern“ nicht mehr die Regel. Die Welpen werden mit den abenteuerlichsten Argumenten abgegeben. Hier nur ein Beispiel, das ich besonders absurd finde: dann entwickelt sich eine bessere Bindung. Ach so, naja. Dann haben meine beiden Hunden, die ich im Alter von 6 Monaten, bzw. 2,5 Jahren übernommen habe, also mit Sicherheit eine grottenschlechte Bindung. Wer’s glaubt, wird selig, wer’s nicht glaubt, kommt auch in den Himmel.

Was machen Menschen, wenn ein Welpi bei ihnen einzieht? Oft genug wird der kleine Hund von der ersten Minute an gnadenlos überfordert. Allein der Verlust der Familie ist ein starkes Trauma für ihn. Dazu kommt vielleicht noch eine stundenlange Fahrt im Auto, die Ankunft im neuen Zuhause, ungewohntes Futter, neue Menschen, neue Gerüche, neue Geräusche…… und als ob das nicht reichen würde, tanzen spätestens am nächsten Tag die Nachbarn und besten FreundInnen an, um ihren Senf dazuzugeben und den kleinen Kerl zu begutachten. Dazu wird er dann herumgereicht, zwangsbekuschelt, es wird getestet, ob er auch schon „schön sitz!“ machen kann – lauter überflüssiger Unsinn. Denn was dieser Hund jetzt braucht, ist Ruhe, Ruhe, Ruhe und viel Geduld und Verständnis von seiten seiner neuen Menschen.

Damit man auch ja nichts versäumt, wurde schon vorab in der Hundeschule ein Termin vereinbart. Wenn die KollegInnen Ahnung haben, was zwar Gott sei Dank immer häufiger der Fall, aber leider nicht die Regel ist, machen sie diesen Termin erst wenn der kleine Hund 10 Wochen alt ist. Nur besteht dann oft die Gefahr, dass man in eine Hundeschule geht, die keine Ahnung hat und den Hund schon am nächsten Tag sehen will. Also lasse auch ich mich oft genug auf einen Termin ein, von dem ich weiß, dass er für den kleinen Hund nichts bringt, aber vielleicht kann ich das Schlimmste verhindern. Nicht so einfach, das alles.

Erste Fremdelphase: der kleine Hund hat unglaublich viel erlebt und gelernt in den letzten 9 Wochen und das soll jetzt verarbeitet werden und sacken. Da soll nichts Neues drauf gepackt werden und schon gar nicht was Aufregendes, das der Hund jetzt nicht mal ansatzweise verarbeiten kann. Und das genau ist ein wichtiger Grund, warum man nie, nie, nie einen Welpen wo auch immer holen soll, der schon mit 8 Wochen abgegeben wird – ausser dem Hund droht Lebensgefahr. Und wie oft kommt das vor, bitte?

Wenn die erste Fremdelphase gut läuft, also auch die Menschen, die den Hund leider zu früh bekommen haben, verstehen, dass er Ruhe und Sicherheit braucht, viel Geduld haben und ihn nicht überfordern, oder er war tatsächlich mindestens zehn Wochen – gerne zwei oder drei mehr – bei seiner Mama, dann wird die zweite Fremdelphase nicht mehr so dramatisch. Jetzt kommen z.B. Sachen vor wie: beim morgendlichen Gassi ist – wie jeden zweiten Donnerstag – Müllabfuhr und die Tonnen stehen auf der Straße. Bis jetzt war das kein Thema – heute schon. Der Zwerg bleibt wie angewurzelt stehen und starrt die Tonne an wie einen Zombie. Das dümmste, was man jetzt tun kann ist: den Hund einfach weiterzerren. Das zweitdümmste: den Hund auslachen. Eine nahezu ideale Form von Dummheit ist die Kombination von beidem.

Wenn ein Hund offenbar erschrocken stehenbleibt und irgendwo hinschaut, bleibt man einfach auch stehen und stellt fest, was ihm denn in irgendeiner Form Angst macht: aha, die Mülltonne. Dann geht man ruhig hin, stellt sich mit dem Rücken zur Tonne und wartet. Bis der kleine Hund entweder die Tonne inspiziert oder lieber in einem großen Bogen vorbeigeht. Dazu braucht man natürlich eine genügend lange Leine am Hund, damit er keinen Unfug macht und auf die Straße rennt. Wenn’s gar nicht anders geht und er einfach nicht vorbei möchte, dreht man eben um. Da bricht einem kein Zacken aus der Krone. Ich habe ihm gezeigt, dass ich mich vor der Mülltonne nicht fürchte, denn wenn ich mich mit dem Rücken davor stelle, gehe ich davon aus, dass dieses Teil friedlich ist. Wenn er dem Frieden nicht traut, dann weichen wir eben aus oder gehen zurück.

Sowas nennt man „vertrauensbildende Maßnahme“. Denn ein Hund, dessen Ängste und Nöte wahr- und ernstgenommen werden, der kann viel leichter Vertrauen zu seinem Menschen haben, als ein Hund, dessen Mensch so etwas gar nicht sieht, sich darüber lustig macht und den Hund zu etwas zwingt, was er definitiv nicht möchte.

Leider gibt es viele Hunde aus dem Auslandstierschutz, die genau in diesem Alter zu uns kommen. Das werden wir nicht ändern können, da hier einfach versucht wird, den Hunden so schnell wie möglich ein gutes Zuhause zu besorgen. Allein schon der Transport ist aber extrem traumatisierend für die Hunde, da sie häufig mit vielen anderen Hunden eingezwängt in enge Boxen über viele Stunden, teilweise Tage im Transporter sitzen. Da wird gekackt, gepieselt, gekotzt, geheult….. das möchte niemand von uns erleben. Aber auch wenn das nicht so ist, dann ist der Wechsel in eine völlig neue Umgebung mit völlig neuen Sinneseindrücken verbunden mit einer langen Fahrt mit womöglich fremden Menschen auch nicht gerade lustig.

Es wäre also wirklich schön, wenn Tierschutzorgas sich mit der Thematik befassen könnten – neben allem anderen, das sie leisten müssen – und die neuen BesitzerInnen aufklären würden, dass dieser Hund jetzt besonders viel Ruhe, Verständnis und Geduld braucht, weil zu allem anderen eben die 2. Fremdelphase dazu kommt. Ich weiß, dass das viel verlangt ist. Aber die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt. Dadurch, dass die meisten Orgas mittlerweile sowieso schon sehr viel gute Tipps mit auf den Weg geben, kann viel aufgefangen werden. Aber je besser die neuen Menschen über den seelischen Zustand ihres kleinen, neuen Freundes wissen, um so besser ist es für alle Beteiligten.

Die 3. Fremdelphase fällt häufig mit dem Beginn der Pubertät zusammen. Deshalb ist es nicht immer einfach, auseinander zu halten, was was bewirkt und auslöst. Aber das ist auch nicht wichtig. Auch Pubertiere brauchen vor allem viel Geduld und Verständnis. Verstärkend kommt auch hier dazu, dass bislang gewohnte und normale Dinge wie das Befolgen der Alltagssignale in vielen Situationen noch schwerer fallen, weil sich der Hund unbedingt mit einer Situation auseinander setzen muss, die ihm dubios erscheint. Das hat nichts mit der Eroberung der Weltherrschaft, schlechter Bindung und Missachtung seines Menschen zu tun, der kann halt grad nicht anders, weil seine Hormone in Aufruhr sind und weil er sehr verunsichert ist.

In dieser Zeit, also während der Pubertät ganz besonders in Kombination mit der 3. Fremdelphase, haben die Hunde ein Schild umhängen, das steht in Großbuchstaben drauf:

„WEGEN UMBAU GESCHLOSSEN!!!!!“

Vielleicht mal nebenbei: bei menschlichen Pubertieren ist das nicht anders, auch bei uns, den weisen und abgeklärten Erwachsenen war das mal so. Und das Verständnis, das wir damals gerne gehabt hätten und vielleicht auch bekommen haben, dass können wir doch gerne auch unseren Hunden geben.

Die letzten beiden Fremdelphasen fallen meistens gar nicht mehr so auf. Sie zeigen sich ebenfalls durch plötzlich auftretende Unsicherheit in Situationen, die der Hund eigentlich schon gut gemeistert hat. Manchmal kann passieren, dass die Hunde gestresster sind und deshalb mehr an der Leine ziehen oder schlechter abrufbar sind. Aber wenn man in den vorherigen Fremdelphasen und vor allem in der dritten (Kombination mit der Pubertät!!!) ruhig und geduldig geblieben ist, dann sollte das eigentlich nicht allzu dramatisch werden. Vor allem weiß der Hund dann eben, an wen er sich wenden kann, wenn er sich überfordert fühlt.

Es gibt gleich mehrere gute Nachrichten:
Es geht viel, viel schneller als mit Kinder und Jugendlichen. Wer „Fremdelphasen bei Kindern“ goggelt, erfährt, dass bei manchen Kindern diese Phase bis in die Schulzeit hineinreichen kann. Da können wir mit den Hunden wahrlich nicht meckern. Die einzelnen Phasen dauern maximal drei Wochen und dazwischen haben wir viel Zeit zur Erholung. Und dann sind das wunderbare Gelegenheiten, seinem Hund klar zu machen, dass man seine Bedürfnisse sieht und erkennt und auch auf seine Befindlichkeiten eingeht. Gemeinsam finden wir eine Lösung, die für uns gut ist. Wenn das nicht eine wunderbare Grundlage für eine vertrauensvolle Beziehung ist!

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