Wissenschaft und Gewaltfreies Hundetraining – das hat viel miteinander zu tun

Immer und immer wieder höre ich von Neukunden: „naja, das ist halt Ihre Meinung, andere sagen was anderes, ich weiß gar nicht mehr, was ich glauben soll.“ Einerseits kann ich das gut verstehen, denn gerade auf Ersthundebesitzer prasselt eine Flut von Meinungen, Ansichten, Erfahrungen, Methoden nieder, dass es kaum zum Aushalten ist. Es gibt allerdings einige Erkenntnisse, die haben rein gar nichts mit Meinungen zu tun, sondern lassen sich schlicht und ergreifend mit klaren, wissenschaftlichen Erkenntnissen erklären.

Beispiel: Brustgeschirr oder Halsband
Im Oktober 2017 habe ich hier den Artikel: „Brustgeschirr oder Halsband? Was für eine Frage?“ veröffentlicht. Man muß schlicht physikalische und anatomische Erkenntnisse haben, um sich für ein Brustgeschirr und gegen die Verwendung von Halsbändern zu entscheiden. Ich wiederhole das hier nicht nochmal, das kann jeder nachlesen.

Beispiel: Wieviel darf ich mit einem Welpen machen?
Erst heute mußte ich mir wieder anhören, dass man ganz, ganz viel sofort und gleich mit einem Welpen machen muß, sonst lernt er das nie, und was ist dann….? Keine Ahnung was dann ist, wenn… interessiert mich auch nicht. Ich halte es mit Erkenntnissen aus Neurobiologie, Neuropsychologie und der Pädagogik. Junge Gehirne müssen trainiert werden und zwar langsam und in dem Tempo, wie sie alle neuen Erkenntnisse verkraften können. Das bedeutet bei einem Welpen von z.B. 4 Monaten: 1-2 langsame Spaziergänge am Tag von max. 20 Minuten, bei denen der Kleine erkunden und entdecken kann,  wenige Gehorsamsübungen wie abrufen, ordentliche Leinenführigkeit, spielerisches Beuteabgeben und ein Alltagsbleib, kurz und freundlich und mit viel Lob und Leckerchen. Ansonsten erkunden wir gemeinsam die Welt und ich stehe meinem kleinen Freund dabei zur Seite.  Das hat nichts mit meiner „Meinung“ zu tun, sondern es ist wissenschaftlich abgesichert, dass junge Gehirne kleine Mengen an neuen Informationen benötigen, viel Zeit brauchen, um das zu verarbeiten und dass man das Gelernte gut und gründlich absichern muß, damit es bleibt. Wenn man zuviel macht, entsteht Stress, unter Stress lernt man schlecht, wenn man schlecht lernt…… Alles in zahlreichen Versuchen – auch an Hunden! – erprobt, getestet und erkannt. Diese Versuch sind nicht nett, viele von ihnen enden richtig grausam. Wie wäre es, wenn wir wenigstens die Erkenntnisse daraus im Sinne der Hunde anwenden?

Beispiel: Er spielt so gerne mit dem Ball, Frisbee, das macht ihm Spaß. Ich muß das jeden Tag mindestens eine halbe Stunde mit ihm machen.
Ja, genau und dann wundern wir uns, wenn der Hund mit 4 oder 5 Jahren schon unter Arthrose leidet, am Kreuzband operiert werden muß oder vielleicht sogar einen Bandscheibenvorfall hat. Und außerdem jagt er wie der Blitz hinter jedem Fahrradfahrer, Hasen, Reh…. also hinter allem her, das sich schnell von ihm wegbewegt.
In große, runde Augen schaut die – leicht genervte – Hundetrainerin, wenn sie zum gefühlten 2 Millionsten Mal erklärt, dass Spiele, bei denen der Hund hinter einem bewegten Objekt herläuft, den Jagdtrieb fördern, da man letzten Teil der Jagdsequenz imitiert, bei dem jede Menge Stresshormone ausgestoßen werden, das Starten und abrupte Bremsen geht auf die Gelenke……………… hat – eigentlich – nix mit Gewaltfreiem Hundetraining zu tun, aber sehr, sehr viel mit Physiologie.

Ich muß mich also gar nicht zuf Fraktion der Wattebauschwerfer gehörig fühlen – was ich natürlich sehr wohl tue, ich muß mich nur ein bisschen schlau machen in Anatomie, Physologie, Neurologie, Physik (Mechanik) und schon kann ich einen sehr gut Plan und ein einwandfreies Verständnis dafür entwickeln, was ich mit einem Hund, vor allem mit Welpen und Junghunden, machen kann und was ich lieber bleiben lassen soll.

Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: TrainerInnen, TierärztInnen, PhysiotherapeutInnen, also alle, die mit unseren Hunden zu tun haben, die das nicht berücksichtigen, haben entweder keine Ahnung oder es ist ihnen egal. So oder so: jemand, der sich nichts um klare, wissenschaftliche Erkenntnisse schert, dem sollte man seinen Hund nicht anvertrauen und dem sollte man auch nichts glauben.

Eine gewaltfreie arbeitende Hundeschule erkennt man daran, daß:
– sie wissenschaftliche Erkenntnisse kennt und diese zum Nutzen von Hund und Mensch einsetzt
– die Trainerin sich laufend fortbildet. So gibt es immer mehr Erkenntnissse, wie wichtig Epigenetik ist und unsere Aufgabe ist es, einzuschätzen, wie wir das im Training anwenden können
– unseren Kunden diese Erkenntnisse so nahezubringen, dass sie sie auch anwenden können
– die Kunden lernen, selber zu denken und kritisch zu hinterfragen, was das für eine Art von Rat das ist, den sie gerade zu hören bekommen. Wenn jemand z.B. erklärt „genau jetzt ist das Halsband viiiiel besser“, dann muß eben die unangenehme Frage „warum?“ kommen – und dann sehen wir schon, was für Erklärungen daher kommen.

Vermutlich werde ich noch mindestens 2 Millionen mal genau das erklären müssen. Drückt mir die Daumen, dass ich geduldig bleibe, der, der dann grad vor mit sitzt, bei dem ist das noch angekommen.

 

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