Rohfüttern fördert den Jagdtrieb – ein nicht auszurottendes Hirngespinst

Ein „Argument“, das sich anscheinend nur schwer ausrotten läßt, ist das Gerücht, Rohfütterung würde den Jagdtrieb fördern. Das stimmt, wenn man unter Rohfütterung versteht, daß man Bello morgens in den Wald, damit er sich was Feines zum Frühstück fängt. Allerdings kenne ich persönlich niemanden, der das tut. Ich wüßte auch nicht, wer seinen Hund auf den Hühnerhof oder in den Kaninchenstall läßt, wenn die Gefahr besteht, daß Bello sich selbst bedient. Auch ist es nicht wirklich angebracht, seinem Hund eine Schleppe mit blutigem Reh- oder Kaninchenfleisch zu ziehen und ihn seine Beute am Ende der Fährte zur Belohnung verspeisen zu lassen. Soweit ich weiß, kauft man üblicherweise das Fleisch schön portioniert, gewolft und eingefroren, taut es nach Bedarf auf, vermischt es mit den Zutaten und gibt es Bello in den Napf. Selbst wenn Sie ihm ganze Tiere verfüttern, wie das manche Barfer tun, wird dieses Huhn oder Kaninchen vorher geschlachtet, und zwar von einem Menschen nicht von Bello. Wie Sie dadurch seinen Jagdtrieb fördern, entzieht sich meiner Kenntnis.

Jagdtrieb ist etwas völlig normales, das im Verhaltensrepertoire jeden Hundes verankert ist, genetisch wohlgemerkt. Denn alle unsere Hunde vom Chihuahua bis zur Deutschen Dogge sind nahe Verwandte des Wolfes und gehören zu den Landraubtieren, – wie der Mensch übrigens auch, bei denen es ja ebenfalls jagende Exemplare gibt. Hunde kommen nicht mit dem Wissen auf die Welt, daß es wohlgefüllte Kühlschränke und Vorratskammern gibt. Menschen auch nicht, deshalb kämpfen so viele von uns mit den Speckröllchen. Und selbst wenn Ihre Pelznase begriffen hat, wann die Fütterungszeiten sind, selbst wenn er ausreichend und gutes frisches Futter bekommt, wird ihn nichts in der Welt davon abhalten, einem Hasen hinterher zu hetzen, wenn sich eine gute Gelegenheit dazu ergibt und – nicht zu unterschätzen – Sie es ihm vorher beigebracht haben.

Nach wie vor finden die meisten Menschen es total lustig, wenn ihr Bello wie verrückt hinter einer Frisbeescheibe herrennt, manche basteln sich Reizangeln zur „Auslastung“ ihres Hundes, viele denken sich gar nichts dabei, mit Spezialgeräten den über alles geliebten Ball möglichst weit zu schleudern. Und dann kommen sie in die Hundeschule, weil Bello das erfolgreich gelernte Hetzen hinter bewegten Gegenständen und das großartig belohnte Fangen der Frisbeescheibe oder des Balles mal auf Hasen oder Rehe oder blöderweise auf Jogger und Radfahrer anwenden möchte. Das ist dann ein Problem. Also um das mal klar zu stellen: Bello hat damit keins, die Menschen haben eins.

Von einem gewissen Alter an fangen alle Hunde an, das Jagen ernsthaft zu üben. Das finden dann alle total niedlich, wenn der Süße hinter Blättern und Schmetterlingen herhopst. Nicht mehr so niedlich ist es, wenn er sich ab einem Alter von etwa 6,7 Monaten immer mal wieder in den Wald verkrümelt. Aber da beruhigt man sich dann mit: „er kommt ja gleich wieder.“ Ja, noch. Das wird sich zuverlässig ändern, wenn man nicht schleunigst was tut, z.B. an der Impulskontrolle und am Grundgehorsam arbeitet und eine vernünftige Auslastung wie Nasenarbeit aufbaut.

Rohfütterung hat damit nicht das geringste zu tun. Wenn Sie Ihrem Hund rohes Fleisch zu fressen geben, dann sorgen Sie dafür, daß er gesund und ausgewogen ernährt wird. Außerdem schmeckt ihm frisches Fleisch mit hoher Wahrscheinlichkeit wesentlich besser als trockene Krümel, die vor allem aus Getreide bestehen. Der Jagdtrieb ist rassebedingt unterschiedlich stark ausgeprägt und man sollte sich vor der Anschaffung eines Hundes damit befassen, wie wahrscheinlich es ist, daß Ihr Bello Interesse an Hasen, Rehen und anderem Getier hat.

Übrigens: der Jagdtrieb des Menschen, der allein in Deutschland jedes Jahr ca. 5 Millionen Opfer bei den Wildtieren fordert, scheint kein Problem zu sein. Und mit der Ernährung scheint er auch nicht zusammenhängen.

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2 Kommentare zu Rohfüttern fördert den Jagdtrieb – ein nicht auszurottendes Hirngespinst

  1. Henry Wollentin sagt:

    Hallo Ute,

    ganz im Gegenteil zu diesem hartnäckigen Gerücht kann der Jagdtrieb unter Rohfütterung sogar abnehmen.

    Kaniden sind als Beutegreifer von einer einer sehr straffen Energiebilanz abhängig. Geparde z. B. können sich bei der Jagd maximal 2 – 3 Fehlversuche leisten, dann ist ihre Energie aufgebraucht und sie verhungern neben der fetten Herde.

    Ein Beutegreifer muss also so viel Energie wie möglich sparen, also wird er nur jagen, wenn es notwendig ist, also wenn er Hunger verspürt. Und Hunger – und zwar Heißhunger – verspüren aufgrund er Minderwertigkeit alle Hunde, die mit Industriefutter ernährt werden. Ihre Biologie flüstert ihnen also ständig zu, dass es Zeit ist, für Nahrung zu sorgen.

    Ein naturnah ernährter Hund wird keinen Mangel leiden und somit keinen verstärkten Hunger verspüren. In dieser Zeit wird er auch kaum die Neigung verspüren, sich auf das sehr riskante und gefährliche Abenteuer „Jagd“ einzulassen.

    Aufgrund der rassetypsichen Eigenheiten, insbesondere bei Jagdhunden, und auch aufgrund der etwas stärkeren Verspieltheit unserer Haushunde im Vergleich zum Natur-Kaniden, ist das Gesagte natürlich etwas zu relativieren, aber im Grund können wir mit einer naturnahen Ernährung dem Jagdeifer unserer Hunde etwa gegensteuern.

    Liebe Grüße
    Henry Wollentin

  2. Andrea Novy sagt:

    Hallo Ute,

    Du weißt, auch wir haben uns zu Anfang, aus welchen Gründen auch immer, unheimlich schwer getan, Rohfütterung auch nur in Betracht zu ziehen. Fleisch an sich spielt für uns nicht ganz so ´ne entscheidende Rolle.
    Aber, es war das Beste, was wir für unsere Hunde tun konnten.
    Wenn wir heute die Näpfe füllen, dann sitzen Beide voller Erwartung daneben und können es kaum erwarten, dass der Napf endlich da steht, wo er stehen soll. Wir haben vorher niemals Hunde mit solchem Appetit fressen sehen.
    Viekes hat sich verändert. Der Körper, das Fell, das Weiße im Auge ist wirklich weiß!!!.
    Wir würden nie mehr etwas anders füttern.
    Und der Jagdtrieb hat sich nicht negativ verändert. Im Gegenteil. Beide Hunde sind viel ausgeglichener, toleranter.
    Man sollte sich als Hundehalter von Anfang an gut überlegen, welche Spiele man mit seinem Hund spielt, wie man ihn beschäftigt.
    So wie es in den Wald rein ruft, so ruft es auch zurück. Und jeder Hund ist anders. Sieht ma ja an unseren Beiden. (Jagdhund und Hütehund)
    An dieser Stelle, vielen Dank für Deine Überzeugungsarbeit.
    Wir sind unheimlich froh, dass wir Euch, mehr durch Zufall, gefunden haben.

    Liebe Grüße
    Andrea Novy

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