Es geht ja nicht um Gebrauchshunde – Ist Gewalt gegen Hunde abhängig von der Rasse?

Ute Rott, Forsthaus Metzelthin

Warum denken manche Menschen, dass man bei bestimmten Hunden ruhig zu härteren Maßnahmen greifen darf, wahrscheinlich sogar muß?

Vor einigen Tagen rief mich eine Journalistin an, die für eine Fernsehsendung recherchiert, bei der es um Ausbildung von Hunden an lebenden Tieren geht. Man kennt ja diese schrecklichen Bilder von Füchsen in der Schliefanlage, viele von uns haben schon mal gehört, dass manch ein Jäger kein Problem damit hat, seinem Hund das „richtige“ Töten an Katzen beizubringen. Hier ging es vor allem um Hüteseminare, bei denen Schafe als Spielzeug für durchgeknallte Border Collies dienen. Ich hatte jetzt eher den Eindruck, dass die Dame gerade solche Hüteseminare ablehnt und meine Bemerkung, Schafe seien schließlich kein Spielzeug für Hunde, fand ihre Zustimmung. Aber irgendwann während des Gesprächs fiel bei ihr die Bemerkung: es handelt sich ja schließlich nicht um Gebrauchshunde, da sieht das ja ganz anders auch, da muß man vielleicht doch mal mit Strom ran.

Mein Gott, dachte ich mir, was ist denn das jetzt wieder! In einer kurzen Diskussion konnten wir uns nicht einigen, dass Strom generell verboten ist, sie meinte, es gäbe da eine juristische Grauzone und bei manchen Hunden, wie z.B. bei der Polizeihundeausbildung wäre es eben wahrscheinlich doch notwendig. Wir haben das nicht weiter ausgeführt, und da sie sehr weit weg von mir wohnt und einen vernünftigen Ansprechpartner brauchte, habe ich ihr einen kompetenten Kollegen in ihrer Nähe empfohlen. Aber diese Aussagen haben mich nicht mehr los gelassen.

Was ist das für eine Einstellung? Der eine Hund, der nur zum Bespassen seiner Menschen da ist, den darf man mit Lob und Leckerchen und Freundlichkeit erziehen, den anderen, der richtig ran muss, um harte Polizeiarbeit zu unterstützen, der kann ruhig mal so ein Teletackt umgelegt kriegen. Schließlich soll der wissen, dass das hier eine ernste Sache ist.

Da sollte man sich doch mal fragen, wozu man Starkzwang denn eigentlich braucht? Ganz sicher nicht, um dem Hund was Nettes beizubringen, oder? In der Regel werden solche Methoden eingesetzt, um die Hunde dazu zu bringen, Dinge zu tun, die sie nicht tun würden, z.B. in einen Arm beissen, starre Kommandos exakt so auszuführen, wie der Mensch das möchte, egal ob es sinnvoll ist oder nicht. Auch für permanenten Blickkontakt wird Starkzwang durch Leinenruck am Stachel oder den Einsatz von Stromreizgeräten ausgeübt. Und das alles ist dann in Ordnung, wenn es um etwa um einen Polizeihund geht, der ja irgendwann Recht und Gesetz vertreten soll?

Es ist noch nicht so lange her, da ging durchs Internet diese Meldung von dem Malinois, der innerhalb weniger Minuten sechs (!) Kinder krankenhausreif gebissen hat. Die Ausbilderin wurde freigesprochen mit hanebüchenen Argumenten. Was glauben Sie, hat der Mali das gemacht, weil er so freundlich und mit vielen Leckerchen erzogen wurde? Praktisch die Folge einer Wattebauschausbildung? Oder handelt es sich nicht eher darum, dass hier einer soviel und so oft was auf die Nase gekriegt hat, dass es einfach mal gereicht hat und er seinen Druck loswerden musste?

Ich habe zur Zeit einen kleinen Mischling im Training, der hat ein Kind gebissen und nach mehreren geschnappt und alle – auch das Ordnungsamt – gehen davon aus, daß die Kinder ihn vorher jahrelang am Zaun geärgert haben. Trotzdem muss er den Wesenstest machen und im Wiederholungsfall droht ihm das Tierheim und die Einordnung als „gefährlicher Hund“. Es besteht kein Zweifel daran, dass man diesen kleinen Kerl daran hindern muss, nach Kindern zu schnappen. Aber wer glaubt ernsthaft, dass er Kinder lieber mag, wenn man ihm per Starkzwang eine über die Rübe gibt? Und mit welchem Maß wird hier gemessen?

Eine Kundin, die selber Jägerin ist, war mal mit einem offiziellen Jagdhundausbilder unterwegs. Der verstand überhaupt nicht, warum sie ihren Rüden nicht einfach so mal Rehe hetzen lässt, schließlich soll der doch mal Spaß haben. Sowas kann man ihm doch dann auch wieder abgewöhnen! Und wie wohl? Na logisch, mit Strom.

Ganz sicher habe ich das hier und weiß Gott wo noch oft und oft gesagt, und ich wiederhole das, bis mir die Finger und der Mund in Fransen hängen, Hauptsache, irgendwann kapieren es alle: wenn ein Hund etwas nur macht, wenn ich ihm mit Folter, Mord und Totschlag drohe, dann sollte ich mir doch ernsthaft überlegen, ob meine Forderung sinnvoll ist. Zudem hat niemand auch kein Polizist, Hundetrainer, Jäger oder wer auch immer das moralische Recht, seine egoistischen Forderungen auf Kosten eines Hundes mit Gewalt durchzusetzen. Druck erzeugt Gegendruck, das ist nicht nur ein physikalisches Gesetz, und Gewalt erzeugt wieder Gewalt. Man muss sich nur umsehen auf der Welt, man braucht nicht lange, um Beweise für diese Aussage zu finden.

Alle Gebrauchshunde, wie Mali, Schäferhunde, Rottweiler oder Jagdhunde, sind in erster Linie Hunde. Sie wurden und werden für bestimmte Aufgaben mit bestimmten genetisch verankerten Eigenschaften gezüchtet. Und wenn den gottgleichen Menschen diese Anlagen allein nicht reichen, weil der Mali einfach noch schneller in den Arm gehen soll und der Jagdterrier noch perfekter den Fuchs durch die Anlage hetzen soll, dann kommt es zum Einsatz von Starkzwang in der Regel von Stromreizgeräten. Da sollte man sich schon fragen, ob Leute, die das als sinnvolle Ausbildung betrachten und die Ausbildungsziele nicht in Frage stellen, eigentlich hin und wieder auch mal ihren Kopf zum Denken verwenden.

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2 Kommentare zu Es geht ja nicht um Gebrauchshunde – Ist Gewalt gegen Hunde abhängig von der Rasse?

  1. Christine sagt:

    Hallo Ute,

    ich glaube, dass gerade im Polizeihundebereich schon länger ein Umdenken stattgefunden hat als im Privathundebereich.
    Ich war letztens bei einer Diensthundevorführung – da habe ich nur freudig arbeitende Hunde gesehen, die geclickert wurden

    http://www.ella-online.de/2013/10/06/diensthunde/

    Ich glaube, die wirklich schlimmen Dinge passieren eher noch bei Hobbyhundesportleuten… und in Privathaushalten.

    LG
    Christine

    • Ute Rott sagt:

      Hallo, Christine,

      da fällt mir – leider – nur ein: die Worte hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Die Fotos sind sehr interessant, schon allein deshalb, weil die Hunde Würger tragen, bei einem meine ich sogar einen Stachel gesehen zu haben. Die sind auch sehr eng gestellt, so daß der Hund jede Bewegung am Halsband mitbekommt, den leisesten Zupfer. Warum ist das so, wenn es um freudiges Mitarbeiten geht?

      Ich würde mir sehr wünschen, daß du recht hast. Und es gibt auch sicher Polizeihundeführer, die sich sehr bemühen alles nett aufzubauen. Aber ein ganz entscheidender „Kronzeuge“ aus der Polizeihundearbeit, Klaus Glöckner, sagt selber in seinem Buch „Der sanfte Weg zum Verbellen“, daß irgendwann Schluß mit lustig ist und dann kommt der Starkzwang.

      Liebe Grüße
      Ute

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