Mehrhundehaltung

von Ute Rott
Forsthaus Metzelthin

Nachdem mich mehrere Kommentare erreichen mit der Kernaussage: „es ist echt überhaupt kein Problem, intakte Rüden und Hündinnen zusammen zu halten, die muß man nicht kastrieren“, weise ich darauf hin, daß einer dieser Kommentare genehmigt wurde, eine entsprechende Antwort kam dankenswerterweise von meiner geschätzten Kollegin Bettina Küster. Alle anderen Kommentare in diesem Sinn werden gelöscht, denn es geht um eine Buchbesprechung. Bitte lesen Sie den ganzen Text und am besten das Buch auch.

Clarissa von Reinhardt hat ein neues Buch geschrieben mit dem schlichten Titel „Mehrhundehaltung“. Wer sie kennt, weiß, daß sie immer mit mehreren Hund zusammenlebt, nur ein Hund an ihrer Seite – das ist nicht Clarissa von Reinhardt. Entsprechend kompetent hat sie das Thema auch bearbeitet und alle Themen angesprochen und ausführlich dargelegt, die Mehrhundehalter oder solche, die es werden möchten, interessieren.

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Es gibt so viel zu bedenken, wenn man mehr als einen Hund aufnimmt, und mit jedem Hund werden es mehr Überlegungen, die man anstellen muß. Und das betrifft nicht nur die Themen: Geld, Zeit, Versorgung, Familie, Sauberkeit und die Tatsache, daß man mit dieser Entscheidung nicht unbedingt bei Freunden und Familie auf Begeisterung stößt. Es geistern immer wieder Videos durch die sozialen Netzwerke, in denen ganze Hundemeuten am Fahrrad geführt werden, wie Trauben hinter ihren Menschen durch Städte laufen, in riesigen Gruppen gefüttert werden…….. der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Um solche Dressurleistungen geht es in diesem Buch ganz sicher nicht. Es geht darum, wie wir unsere Liebe zu Hunden und die Freude am Zusammenleben mit ihnen mit der Erfüllung hundlicher Bedürfnisse unter einen Hut bringen können.

Zwei Kapitel aus dem Buch möchte ich besonders hervorheben, da sie mir sehr wichtig erscheinen und häufig unterschätzt werden. Da wäre das leidige Thema „Kastration und Sterilisation – sinnvoll im Mehrhundehaushalt oder nicht?“ Eigentlich sollte sich diese Frage erst gar nicht stellen, denn wie will irgendjemand auf dieser Welt, der kein Interesse an ungezügelter Hundevermehrung hat, dauerhaft einen Deckakt verhindern, wenn er intakte Rüden und Hündinnen hält? Und wie will man Konflikte unter den Hunden vermeiden, wenn sie nicht kastriert sind? Konflikte und unerwünschte Würfe sind vorprogrammiert und es ist mehr als leichtfertig zu behaupten, daß Kastration bei Mehrhundehaltung nicht notwendig wäre. Umso dankenswerter ist es, daß die Autorin vor diesem Thema nicht zurückschreckt und ausführlich und fachlich kompetent darüber informiert. Dabei geht sie gründlich auf alle diese guten Ideen ein, die Mehrhundehalter für das Zusammenleben mit intakten Hunden bekommen und legt unmissverständlich  dar, daß alle diese tollen Tipps nur heiße Luft und nicht sehr alltagstauglich sind.

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Das Kapitel: „Die Ausbildung und Erziehung von mehreren Hunden“ ist ebenfalls ein Punkt der häufig unterschätzt wird. Wir finden hier gute Hinweise, wie man eine geeignete Hundeschule findet. Auf was man konkret das Augenmerk zu legen hat, z.B. ich rufe fünf Hunde, es kommen aber nur zwei: bitte loben Sie zuerst die, die gekommen sind! Danach kümmern Sie sich um die anderen. Wie gehe ich auf die individuellen Bedürfnisse des einzelnen Hundes bei der Belohnung ein: der eine sucht gerne Leckerchen vom Boden, der andere will lieber geknuddelt werden? Wie gehe ich mit gruppendynamischen Prozessen um? Wie und wann gebe ich überhaupt Kommandos? Ist es nicht eher sinnvoll, achtsam in der Kommandogebung zu sein? Wer braucht wieviel Beachtung?

Und ganz wichtig: welche Kommandos und Rituale benötige ich im Unterschied zu Hundehaltern, die nur einen Hund haben? Wer nur einen Hund führt, der muß sich in vielen Situationen weniger Gedanken machen, denn es steigt nur ein Hund ins Auto, es wird nur ein Futternapf hingestellt, es gibt keine Reihenfolgen, die je nach Situation wechseln können. Oder: wie geht man in so einer Gruppe spazieren? Wann gibt man Kommandos, wer läuft frei, wer an der Leine?

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Das und noch viel mehr sind Punkte, die sich viele Menschen nicht überlegen, wenn sie sich den 2., 3., 4. Hund ins Haus holen, die aber sicher genauso bedeutsam sind, wie die richtige Passung und die Tatsache, daß alle im Haushalt mit den Hunden einverstanden sein müssen.

Fachlich ist dieses Buch mit Sicherheit das beste, was man zu diesem Thema lesen kann. Aber ich finde es in anderer Hinsicht auch sehr empfehlenswert. Wer Clarissa von Reinhardt kennt, weiß, daß sie in ihren Büchern und Vorträgen viel von ihrer persönlichen Erfahrung als Hundehalterin und Hundetrainerin mit einbringt. Das ist auch hier so, aber doch noch etwas anders. Beim Lesen dieses Buches spürt man ganz deutlich, mit wieviel Wärme und Herzblut es geschrieben wurde, wie ihr Herz an allen Hund hängt, die bei ihr leben und gelebt haben, und wie wichtig ihr das Wohlergehen der Hunde ist. Wie immer geht sie klar und unmissverständlich auch unerfreuliche Themen an, aber über allem liegt immer die Liebe zu den Hunden – und eben ganz besonders zu ihren Hunden. Es ist also nicht nur ein gutes Fachbuch, sondern in weiten Teilen ein sehr poetisches und persönliches Buch, das beim Lesen viel Freude bereitet. Die vielen schönen Hundefotos tun ihr übriges dazu.

Das Buch kostet € 17,00 und ist beim animal learn Verlag oder im Buchhandel unter ISBN 9-783936 188677 erhältlich.

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2 Kommentare zu Mehrhundehaltung

  1. Kim sagt:

    „Eigentlich sollte sich diese Frage erst gar nicht stellen, denn wie will irgendjemand auf dieser Welt, der kein Interesse an ungezügelter Hundevermehrung hat, dauerhaft einen Deckakt verhindern, wenn er intakte Rüden und Hündinnen hält? Und wie will man Konflikte unter den Hunden vermeiden, wenn sie nicht kastriert sind? Konflikte und unerwünschte Würfe sind vorprogrammiert und es ist mehr als leichtfertig zu behaupten, daß Kastration bei Mehrhundehaltung nicht notwendig wäre.“

    So eine unsinnige, verallgemeinernde Aussage! In jeder Menge Züchterhaushalte funktioniert Mehrhundehaltung von intakten Hunden ganz problemlos – natürlich erfordert das etwas mehr Bedacht und Management vom Hundehalter, aber das dürfte doch kein Problem sein, wenn man sich im Vorfeld Gedanken gemacht hat. Und auch bei „Otto Normal-Hundehalter“: Bei uns leben zwei unkastrierte Rüden seit Jahren friedlich zusammen, ähnliche Beispiele gibt es zuhauf im Bekanntenkreis. Zwingend notwendig ist Kastration in einem Mehrhundehaushalt also auf gar keinen Fall!

    • Bettina sagt:

      Wenn man bedenkt, wie lange die Läufigkeit einer Hündin ist und wie lange der Rüde währenddessen von der Hündin ferngehalten werden muss und der Züchter Managementmaßnahmen ergreifen muss, um einen Deckakt zu verhindern.
      Dann frage ich mich, was hat das mit Tierliebe zu tun? Wofür züchte ich denn Hunde?
      Meist haben Züchter ja nicht nur eine Zuchthündin, sondern zwei oder drei im Haus, und die sind nicht immer zur gleichen Zeit läufig.
      Ich kenne genügend Züchter, die aus dem Nähkästchen geplaudert haben und offen und ehrlich bekennen, dass das Stress pur ist. Denn mit ein wenig Menschenverstand kann sich wohl jeder vorstellen, was passiert, wenn der Rüde 2 Meter weiter eine Hündin in Standhitze riecht und dort nicht hin darf.

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