XIII. animal-learn-Symposium 14.11. – 16.11.2014 – 1. Teil

von Ute Rott
Forsthaus Metzelthin

Nachdem ich versprochen hatte, vom Symposium ausführlich Bericht zu erstatten, habe ich lange hin und her überlegt, mit welchem Referenten ich anfangen soll. Zuerst die, die mir nicht so gut gefallen, oder zu erst die Highlights? Und dann habe ich mich für die Highlights entschieden, was aber auch nicht so einfach war, weil ich mich nämlich zwischen den überwiegend wirklichen tollen Vorträgen entscheiden mußte. Das war nicht einfach. Denn dieses Symposium war wirklich mit Abstand das schönste und beste, das ich bislang mitgemacht habe. Es hat einfach alles gestimmt: die Themen, die Referenten, die Athmosphäre, alles war einfach großartig. Was ich bislang noch nie erlebt hatte, ist diesmal wirklich sehr gut gelungen: die Themen haben sehr gut zusammen gepasst und die Referenten haben sich wirklich gut ergänzt. Aufgefallen ist, daß immer wieder in den Vorträgen etwas kam wie: „das haben wir ja schon in anderer Variation vorhin gehört“.

Mein absoluter Favorit war aber Nadja Maurer aus der Schweiz. Sie ist nicht nur eine sehr gute und kompetente Referentin, sondern sie hat darüber hinaus eine so warme und freundliche Ausstrahlung, daß es nicht verwundert, daß viele der Anwesenden anschließend mit ihren Tieren zu ihr in Behandlung kommen möchten und Termine vereinbart haben. Nadja Mauerer ist Tierheilpraktikerin und züchtet Pferde. Ihr erster Vortrag ging über „Trauma“. Sehr kompetent und schlüssig hat sie erklärt, was ein Trauma ist und wie es entsteht. Dabei hat sie sich auf physische Traumata konzentriert. Die Schwierigkeit dabei ist, zu beurteilen, wann ein Hund traumatisiert ist oder nicht. Denn es gibt durchaus Fälle, die wir alle kennen, da geschieht dem Hund etwas wahrhaft schreckliches, er schüttelt sich und alles ist gut. Und in anderen Fällen dreht er völlig am Rad und wir können uns nicht vorstellen, daß das von dieser „Lappalie“ kommt. Der springende Punkt ist, daß ein Ereignis „zu früh, zu schnell, zu bald“ wahrgenommen wird und der Organismus damit nicht klar kommt.

Wir alle kennen Hunde, die unter einem Knalltrauma leiden, und wir wissen, wie schwer das zu behandeln ist und wie sehr Hund und Hundehalter darunter leiden, aber auch durch andere Katastrophen, nicht nur durch Silvesterböller, kann ein Hund schwer traumatisiert werden. Für mich war dabei erneut die Erkenntnis wichtig, wie schnell eine unangenehme Situation für einen Hund traumatisch werden kann, da viele unserer Hunde regelrecht zur Hilflosigkeit erzogen werden. Wir alle kennen den Terminus „erlernte Hilflosigkeit“. Ein Hund, der so erzogen wurde, wird sehr viel eher durch relativ harmlose Ereignisse traumatisiert werden, da er nicht gelernt hat oder sogar aktiv daran gehindert wird, selbständig Lösungen in schwierigen Situationen zu erarbeiten, mit denen er das Trauma überwinden könnte. Sie beruft sich auf Peter Levine, der an Wildtieren erforscht hat, wie diese mit traumatischen Situationen umgehen. Die Bewältigung erfolgt immer durch Erstarren, Fliehen oder Kämpfen. Erstarren ist nur dann von Erfolg, wenn das Tier im Anschluß fliehen oder kämpfen kann. Geht das nicht, bleibt die Erstarrung und das Trauma wird nicht mehr selbständig bewältigt. Diese Ereignisse manifestieren sich im Körper und können erhebliche Beschwerden verursachen.

Daß das funktioniert, habe ich selber vor Jahren erlebt, als ich eine Traumatherapie wegen extremer Rückenschmerzen machte. Ich bin selber keine Therapeutin, sondern Nutznniesserin und Fan dieser Therapie, deshalb möchte ich nur ganz kurz erklären, wie das funktioniert. Wer mehr wissen möchte, sollte sich bei Fachleuten genaue Informationen holen. Im Gegensatz zu Konfrontationstherapien muß man das traumatisierende Erlebnis weder kennen noch wiederholen. Der Therapeut bringt einen durch Körperarbeit dazu, selbst aktiv zu werden und dadurch werden die Beschwerden meist sehr schnell gemildert und im Idealfall beseitigt. Wer mehr dazu wissen möchte, sollte sich das Buch von Peter Levine „Traumatherapie“ besorgen oder Fachleute dazu befragen.

Ein besonders beindruckendes Beispiel war ein Whippet, der ungewöhnlich gut erzogen und praktisch vollkommen erstarrt war. Er hatte einen starren und sehr unglücklichen Gesichtsausdruck. Im Bereich des Kreuzbeines war er so blockiert, daß er einen ganz steifen Gang und auch erhebliche Schmerzen hatte. Einen entscheidenen Anteil an dieser Erstarrung hatte der extreme Grundgehorsam, über den der Besitzer sich immer so gefreut hatte. Nachdem er aufgeklärt worden war, war ihm klar, daß er damit seinen Hund in eine extreme Form der erlernten Hilflosigkeit gebracht hatte. Und zum Glück für den Hund war er einsichtig.

Nadja Maurer arbeitet wie damals meine Feldenkraislehrerin mit einer von ihr für Tiere entwickelten Craniosakraltherapie (Kreuzbein). Da wir aufrecht gehen, sieht diese Arbeit natürlich bei Tieren anders aus. Sie ist aber nicht minder erfolgreich, da Tiere ohne Vorurteile mitmachen, wenn sie merken, daß ihnen geholfen wird. Bei Menschen ist da ja nicht immer so einfach.

Der zweite Vortrag von Nadja Maurer hieß „Zucht – Was der heutige Präventionswahn bedeutet“. Das war wahrhaftig Wasser auf meine Mühlen. Denn was in der Zucht passiert, ist nach meiner Auffassung nicht nur sträflicher Leichtsinn, sondern schädigt die betroffenen Tiere häufig so stark, daß es schlicht kriminell – aber leider nicht strafbar ist. Viele dieser Probleme, die z.B. durch übertriebene Hygienemaßnahmen, Impfungen, Untersuchungen per Ultraschall oder – immer noch – Röntgen vor, während oder nach der Trächtigkeit entstehen, wirken sich ganz massiv auf die Gesundheit von Mutter und Welpen aus und bringen auch erhebliche Folgeerscheinungen mit sich. Für mich ist das größte Problem dabei, daß nichts von dem wirklich wissenschaftlich untersucht ist, sondern die Gefahren und negativen Folgen einfach durch Beobachtungen von Menschen erfasst werden, die in irgendeiner Form mit Tieren zu tun haben, wie Heilpraktiker, Tierärzte und Hundetrainer. Züchter kommen nur ganz langsam dahinter, daß sie mit dem, was mittlerweile üblich ist an Prävention, ihren Hunde mehr schaden als nützen.

Wie kompliziert dieses Thema ist und wie kontrovers es diskutiert wird, hat man an den Debatten über diesen Vortrag gemerkt. Während der erste überwiegend positiv aufgenommen wurde, war vielen beim zweiten überhaupt nicht klar, was tatsächlich gemeint ist. Viele Menschen wenden dann ein, daß es doch nicht geht, alles „der Natur“ zu überlassen. Das ist auch überhaupt nicht gemeint. Ein gutes Beispiel ist die neueste Impfung von Zuchthündinnen gegen Herpes, angeblich um die Welpensterblichkeitsrate zu senken. Najda Maurer berichtet, daß bei den Hündinnen, die ihr bekannt sind, im Gegenteil die Welpensterblichkeit zunimmt. Sie selber hat dagegen in ihrer eigenen Pferdezucht festgestellt, daß je weniger sie an konventioneller Prophylaxe eingesetzt hat, die Muttertiere bei jeder Geburt gesünder waren und auch die Fohlen waren gesünder und vitaler. Als Quintessenz könnte man sagen: wenn diese ganze – wohlgemerkt übertriebene – Vorsorge tatsächlich notwendig wäre, sollte man sich fragen, wie sich dann Leben entwickeln und erhalten konnte.

Zum Abschluß möchte ich noch ein paar Worte zu dem phantastischen Vortrag von Dorrit Franze „Die Würde des Hundes ist unantastbar – auch im Training?“ Wie man einen Vortrag zu dem eigentlich extrem trockenen, juristischen Thema „Rechte der Hunde“ einen so spannenden Vortrag halten kann, daß über ca 130 Menschen aktiv mitdiskutieren und von Anfang bis Ende voller Spannung dabei sind, hätte ich vorher nie im Leben geglaubt. Ich dachte, ich sitze das mal aus, und dann war ich hellauf begeistert. Sie hat einige Fragen geklärt, die vielen im Saal nicht klar waren, z.B. haben Hunde, bzw. Tiere in Deutschland tatsächlich nach wie vor keine Rechte, sondern sie genießen gesetzlichen Schutz. Das macht es schwierig, da Tiere nach wie vor vor dem Gesetz wie eine Sache behandelt werden. Zwar ist diese Sache schützenswert und hat auch bestimmte schützenswerte Bedürfnisse, aber eine Sache ist eben kein eigenständiges Lebewesen, dem auch eine Würde, also ein Wert, der aus diesem Wesen selbst entsteht – so wie man das bei Menschen voraussetzt – zugesprochen werden kann. Das bedeutet letztendlich, daß nach wie vor Tiere nach ihrem Nutzen gewertet und behandelt werden, z.B. ist das Schlachten von Hunden zum Verzehr verboten, das von Schweinen und Rindern nicht. Ebenso ist Zoophilie, also der sexuelle Missbrauch von Tieren entgegen der herrschenden Meinung in Deutschland nach wie vor erlaubt.

Da ich nicht alles bringen kann – und auch gar nicht mehr so im Detail weiß – möchte ich auf einen Punkt eingehen, der für Tierschützer und Tierrechtler in der Praxis wichtig ist. So ist sie der Meinung, daß man unbedingt Tierquälerei zur Anzeige bringen sollte, wenn man Zeuge wird, auch wenn nichts dabei heraus kommt. Ich habe sie um Rat gefragt, weil ich Anzeige gegen den Vorsitzenden eines Hundezuchtvereins gestellt hatte. Die Hunde, die auf der Titelseite der Vereinszeitung abgebildet waren, hatten jeder ein Stromreizgerät um. Die Anzeige wurde niedergeschlagen und im Bescheid stand, ich könne ja nicht beweisen, daß die Geräte benutzt worden wären, außerdem läge kein öffentliches Interesse vor. Hätten Tiere eine im Gesetz verankterte Würde, sähe das anders aus. Lt. Dorrit Franze kann man nicht mehr machen, was schade ist. Aber es ist wichtig, so etwas zu tun, damit eben irgendwann genügend Druck entsteht, daß der Gesetzgeber nicht mehr anders kann als etwas zu ändern.

Was ihr auch wichtig war: genereller Leinenzwang in Gemeinden. Sie sucht dringend nach Bußgeldbescheiden, da sie sich für dieses Thema sehr interessiert. Keine Gemeinde kann generellen Leinenzwang womöglich noch mit vorgeschriebener Leinenlängen erlassen, ohne ein genügendes Freilaufgebiet zur Verfügung zu stellen. Das Problem ist: die Hundehalter wehren sich nicht. Also: wer sich für das Thema interessiert, weil er direkt davon betroffen ist, sollte sich wirklich schlau machen und ruhig mit der Gemeinde- oder Stadtverwaltung streiten.

So, das war jetzt mal mein subjektiver Eindruck, von drei Vorträgen, die für mich herausragend waren. Das bedeutet aber nicht, daß die anderen schlecht oder uninteressant waren. Ich hoffe, daß ich im Laufe der Woche noch dazu komme, den 2. Teil zu schreiben. Wer die Vorträge nachlesen möchte: es gibt im animal-learn-Verlag die Skripte zu kaufen, € 9.00 + Versandkosten. Ich kann nur sagen: es lohnt sich!

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