…und dann beißt er plötzlich zu….. Warum Beisshemmung nicht selbstverständlich ist

von Ute Rott
Forsthaus Metzelthin

Wenn ich mir so meine Arme ansehen, dann sind die ganz schön narbenübersät. Eine ganz frische Wunde ist noch blutverkrustet und ich weiß noch ganz genau, wann und wo und von wem ich mir dieses hübsche Andenken zugezogen habe. Auch an meinen Waden hab ich so nette Dinger, denn im Sommer trage ich gerne 3/4-Hosen. Einerseits schön, weils nicht so warm ist, aber für 4-beinige Piranhas im Alter zwischen 10 Wochen und 6 Monaten leider eine schöne Zielscheibe.

Warum machen Hunde das? Es gibt doch die Beisshemmung und sie müssen doch lernen, daß Menschenhaut tabu ist? Warum machen sie es trotzdem? Es lohnt sich die Hintergründe genauer anzusehen.

Die Beisshemmung ist nicht angeboren. So wie Kinder lernen müssen, daß man mit seinen Händen und Füßen vorsichtig sein muß, nicht schlagen oder kratzen oder treten darf, so müssen und können Welpen lernen, daß Beissen bei Sozialpartnern, z.B. anderen Hunden oder Menschen komplett unerwünscht ist. Hunde kommen also nicht mit Beisshemmung auf die Welt, sondern ab der 7. Woche, wenn sie schon spitze Zähnchen haben, lernen sie im Spiel mit ihren Geschwistern, daß zu grobes Zupacken das Ende des Spiels und ein zorniges Geschwisterchen bedeutet. Bis zur 10. Woche ist dieser Vorgang so gut wie abgeschlossen. Und damit wären wir schon bei der ersten Ursache, warum Welpen manchmal ungebremst zubeissen. Die meisten Hunde werden mittlerweile mit acht Wochen abgegeben. Und das ist einfach viel zu früh.

In so gut wie allen Hundebüchern und ganz besonders in denen, die sich mit der Aufzucht und Erziehung von Welpen befassen, steht, daß die ersten Lebenswochen ganz entscheidend für das Erlernen von Sozialverhalten ist, z.B. müssen die Kleinen lernen, was die Mama meint, wenn sie die Nase rümpft, und das testen sie dann auch untereinander aus und lernen, wie man sich richtig verhält, um in der Gruppe wohlgelitten zu sein. Logischerweise gehört auch die Beisshemmung dazu. Was die Bücher in der Regel verschweigen, ist, daß die Herausbildung der Beisshemmung bis zur 10. Woche dauert und daß es keine gute Idee ist, das beispielsweise unerfahrenen Ersthundebesitzern zu überlassen, denn diese sind damit in der Regel komplett überfordert.

Welpenzähne sind wirklich eine grausame Waffe und es tut einfach höllisch weh, wenn sie sich in den Unterarm graben. Manchmal, wenn alles andere gut läuft, reicht es tatsächlich, daß man einen spitzen Schrei ausstößt, sobald der Kleine zu grob wird. Sowie er ausläßt, wird er gelobt und das Spiel geht weiter. Allzu häufig klappt das aber nicht.

Denn allein die Tatsache, daß ein Welpe mit acht Wochen in sein neues Zuhause kommt, stellt eine extreme Herausforderung für ihn dar, die er knapp 3-4 Wochen später sehr viel einfacher bewältigt. Er ist in diesem Alter noch so abhängig von seiner Mutter, daß man als Mensch schon sehr gut wissen muß, was man tut, damit man diesen Schock kompensieren kann.  Und die Beisshemmung wird dann eben an menschlicher Haus trainiert, das ist dann einfach so.

Aber wenn man nicht weiß, was auf einen zukommt und wie man richtig reagiert, dann wird’s richtig schwierig. Das geht meistens noch einher mit vollkommener Unkenntnis von vernünftiger Welpenaufzucht, da wird dann gespielt und spazierengangen, was das Zeug hält. Der ganze Tag ist der Bespaßung des Hundes gewidmet und manchmal geraten die Menschen tatsächlich an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Denn so haben sie sich das nicht vorgestellt. Sie tun doch alles für ihren Kleinen und der dankt mit Beißattacken! Und je mehr sie machen, umso schlimmer wirds. Warum ist das so?

Im Gegensatz zu dem, was die meisten Menschen glauben, sind Hunde sowohl körperlich als auch mental nicht so belastbar wie wir. So ein kleines Hundekind hat dermaßen viele Eindrücke, die auf hin hereinprasseln, daß es mit wilden Spielen und Spaziergängen vollkommen überfordert ist.  Er sollte erstmal in Ruhe feststellen, wo und bei wem er da überhaupt gelandet ist, die Umgebung muß er kennenlernen und wer alles hier wohnt, wie der Tagesablauf ist und was hier so abgeht. Das ist ein Haufen Zeug, für einen Welpen, der den Schock überwinden muß, daß er von seiner Mama und seiner vertrauten Umgebung getrennt wurde. Und was machen die Menschen? Da gibt es immer noch welche, die veranstalten gleich mal eine Party, damit er alle Freunde und Bekannte kennenlernt. die sich natürlich voller Entzücken auf des süße Fellknäuel stürzen. Dann rennt man am nächsten Tag zum Tierarzt, den soll er ja auch kennen. In der Hundeschule wird er auch sofort angemeldet, am besten in einer Welpenspielstunde, damit er Kumpel zum Spielen hat. Und für jeden Tag denkt man sich was neues aus, bis der kleine Hund ganz wirr im Kopf ist und vor lauter Überforderung nur noch um sich beißt.

Eine andere, auch sehr nette Variante ist, daß er gleich von Anfang an viel allein bleibt. Damit sich da niemand täuscht: es spielt nicht die geringste Rolle, ob ich einen Hund im Zwinger einsperre oder in der Wohnung, ob er nachts allein im Zwinger sitzt oder wohlverwahrt in der Küche in einer Box. Weil er nicht schreit und heult vor Panik, sondern sich total still hält, hat er selbstverständlich damit auch nicht das geringste Problem. Sollte er sich melden, darf man natürlich überhaupt nicht darauf reagieren, sonst lernt er es ja nicht. Er wird sich schon daran gewöhnen. Hat ja der Züchter oder Hundetrainer oder welcher Experte auch immer dieses großartigen Tipp zur Unterbringung auch gesagt. Komisch ist nur, daß er z.B. immer dann zuhackt, wenn man ihn aus der Box, wahlweise dem Zwinger, herausläßt.

Die Gründe, warum der Hund nicht bei einem schläft, sind sehr spannend. Einer der interessantesten war: ich habe eine Hundehaarallergie, deshalb darf mein Hund nicht ins Haus. Aha. Warum hat man dann überhaupt einen Hund? Oder: mich stört das, wenn er nachts rumrennt. Auch sehr schlüssig. Meine Hunde rennen nachts nie rum, die schlafen, so wie ich. Es spielt auch keine Rolle, welchen Unsinn sich da jemand an Rechtfertigung ausdenkt, für den Hund ist die Botschaft klar: zuerst wird er geklaut und von seiner Mama und Geschwistern gewaltsam getrennt, und dann will man mit ihm genau dann nichts zu tun haben, wenn es gefährlich wird: nachts. Da läßt man ihn einfach allein. Nicht wirklich ein Zeichen von übertriebender Fürsorge.

Da frage ich mich verschiedenes:
Warum hat man einen Hund, wenn er nicht bei einem sein darf? Wozu holt man sich ein Lebewesen ins Haus, wenn man mit einem Stofftier viel besser bedient wäre? Und warum hören die Leute immer auf die Ratschläge, die besonders für sie so unglaublich praktisch und bequem sind? So sind die meisten, die mit einem beißenden Welpen zu mir kommen, ganz fest der Meinung, daß sie alles richtig machen, denn der Züchter oder Tierarzt oder der Nachbar, der schon sooo viele Hunde hatte oder der Kollege, der alle Hundesendungen im Fernsehen sieht oder wer auch immer, sagts ja auch.

Interessant sind die Aussagen von Leuten, die einen alten Hund verloren haben und jetzt einen kleinen, neuen haben. Die wundern sich erstmal, warum sie die früheren Hunde immer erst mit 11,12 Wochen bekommen haben, und jetzt soll 8 Wochen das ideale Alter sein? Da gibt es gar nicht so wenig, die überzeugt sind, sie haben was falsch gemacht, wenn er zuschnappt.

Es wäre schon sehr schön, wenn sich endlich mal die Erkenntnis wieder durchsetzen würde, daß es eben keine gute Idee ist, einen Hund vor der 11.,12. Woche abzugeben. Dann ist er sowohl körperlich und geistig in der Lage, viel besser mit den Veränderungen umzugehen, dann ist er generell belastbarer, dann ist die Beißhemmung herausgebildet und ein Züchter, der seine Welpen so lange behält, der kümmert sich in der Regel ganz anders. Die Hunde sind meistens schon an die Leine gewöhnt, sie sind stubenrein, sie sind einfach besser erzogen und sozialisiert.

Eine weitere Ursache ist auch noch sehr überlegenswert: das Impfen. Ich erlebe es immer wieder, daß Hunde am Tag nach der Impfung total durch den Wind sind. In extremen Fällen, die zu meinem Glück nicht soo häufig vorkommen, kann das bis zu Beissattacken aus heiterem Himmel gehen. Die Impfung ist – laut Tierarzt – natürlich nie die Ursache, das muß man doch mit Gehorsam in den Griff bekommen. Wer sich allerdings damit befasst, was für eine geballte Dosis an Impfstoffen und Adjuvantien die Hunde reingepfeffert bekommen, der fragt sich schon, wie so ein kleiner Organismus damit klar kommen kann. Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich meiner Tierärztin dafür bin, daß sie zu einer Imfpung auf Raten plädiert. Zwar wird dann meiner Meinung nach immer noch zu viel geimpft, aber wenigstens hat der Körper Zeit, damit klar zu kommen.

Und auch wenn das Thema zu umfangreich ist, um es hier behandeln zu können, möchte ich es zumindest erwähnt haben. Ernährung über Industrienahrung ist sehr häufig so belastend für die Hunde, daß auch das ein Grund zum Zubeissen sein kann. Was allerdings noch häufiger ein Grund für Beissattacken ist, ist unser Schlankheitswahn. Manche Welpen sind einfach verzweifelt, weil sie so Hunger haben und zwicken und beissen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Große Überraschung: sobald sie mehr und womöglich auch noch das richtige Futter bekommen, glätten sich die Wogen umgehend und die Menschen haben deutlich weniger Löcher in der Haut.

Welpen beissen nicht einfach so zu. Sie beissen, weil das oft ihre einzige Möglichkeit ist, uns mitzuteilen, daß es jetzt reicht, daß der Stress einfach zu viel wird. Alle anderen Signale, die sie vorher zeigen, werden in der Regel schlicht weg ignoriert. Der aktuelle Hacker in meinem Unterarm stammt von einem Deutsch Drahthaar, der jagdlich geführt werden soll. Der Hund mußte jeden mindestnes 2 x 30 Minuten Unterordnungsübungen machen, also: sitz, platz, Fuß, sitz, platz, Fuß……….. immer und immer wieder, bis zum Umfallen. Zudem wird er an der Reizangel trainiert, auch ca. 2-3 mal ca. 10 Minuten täglich und es gibt ausgiebige Spaziergänge. Die Tierärztin hat geraten, noch mehr zu üben, sonst er lernt er das nie! Oh Herr, schmeiß Hirn vom Himmel! Der Besitzer hatte zuvor eine andere Rasse, die wesentlich sanfter ist. Weil er jetzt einen Rüden hat, vorher waren es Hündinnen, ist er fest davon überzeugt, daß er ihm nur Herr wird, wenn er übt, übt, übt, damit der Kerl weiß, wos lang geht. Wir haben das alles schon ein wenig reduziert, nichtsdestotrotz behalte ich ein nettes Andenken an ihn. Leider.

Überforderung in vielfacher Form, Impfung, falsche Ernährung, zu frühe Abgabe….. es gibt viele Gründe, warum Welpen zubeissen. Es gibt auch genauso viele Möglichkeiten, das Beissen abzustellen. Wenn man eins bedenkt: das Problem hängt immer am anderen Ende der Leine.

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4 Kommentare zu …und dann beißt er plötzlich zu….. Warum Beisshemmung nicht selbstverständlich ist

  1. Jutta Hoeht sagt:

    Da habt er Recht – das Problem ist immer am Ende der Leine. Manche Hunde sind wirklich bedauernswerte, missverstandene Geschöpfe. Mittlerweile gibt es ja den so gepriesenen „Hundeführerschein“ – aber ich bezweifele stark, dass den Hundeführern oder sollte ich lieber Hundehalter sagen, dass das entsprechende Feingefühl im „Lesen“ seines Hundes vermittelt wird. Es ist eine unendliche Story geworden und die Vielzahl der Hundeschulen und Hundeversteher tummeln sich überall. Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass in vielen Fällen das „HIRN“ einfach ausgeschaltet wird – weil der Trainer ja gesagt hat….. und der muss es ja wissen, die Stunden waren ja teuer genug. Es ist ein unglaublicher Kommerz um den richtigen Umgang mit dem Hund entstanden und dies nicht immer zum Wohl des Hundes. Früher hat man sich keine Gedanken darüber gemacht und es gab wirklich keinen großen Probleme – bis natürlich auf ein paar Ausnahmen – aber die gibt es ja trotz allem heute auch noch. Hunde fraßen, was vom Essen übrig blieb, bekamen frische Knochen, waren immer und überall dabei. Man ging entspannt mit Ihnen Gassi und man wurde nicht schräg angesehen wenn sie keinen kadaver Gehorsam zeigten. Heute muss man damit rechnen, wenn der Hund im Auto bellt, was ganz natürlich ist, denn er verteidigt ja sein „Autorevier“, dass es böse Blicke und dumme Bemerkungen gibt. Heute ist Hundehaltung in manchen Fällen „Stress“ für Hund und Herrchen/Frauchen und man ist immer auf der Hut, um sich und ggf. auch den Hund zu verteidigen. Oh liebe „Hundehalter“ wie habt Ihr es nur so weit kommen lassen – wo habt Ihr Euren gesunden Menschenverstand gelassen?

  2. Maike sagt:

    Hallo, ein sehr schöner Blog.
    Wir haben alten Herren und einen Junghund. Der junge ist mein erster Welpe, mit gutem Bauchgefühl und ein bischen Wissen um Wachstumsphasen gehe viele „Unarten“ von selbst, wenn man als Mensch richtig reagiert. Als er eigentlich schon stubenrein war hat er immer, wenn ein Wachstumsschub dran war sich drinnen gelöst, hat sich von selbst erledigt mit der Zeit, Er hat die Nächte immer bei uns geschlafen, irgendwann kam er einfach nicht mehr ins Schlafzimmer und schlief auf dem Flur.
    Leider hat der Züchter ihn auch schon mit 8 Wochen abgegeben und die ersten 4 Wochen waren anstrengend, wir mussten Welpe und 3 Kinder im Auge behalten. Gerade wegen der Beißhemmung, das hat er aber schnell und gewaltfrei gelernt und es reichte ein Quietschen und ein Ersatzangebot. Unsere Kinder schleppen auch jetzt oft schnell ein Ersatzangebot an, wenn der Hund gerne mal das Kinderspielzeug probieren möchte. Dann tauscht unser Junghund gerne. Seine Kuscheltiere sind auch viel besser.
    Ein kleiner Knabberfisch ist er jetzt immer, wenn ein Zahn wackelt und er ihn los werden will. Der Zahnwechsel bei Hunden ist ja genauso stressig für die Kleinen, wie bei Kindern. Auch bei Hunden kann man sagen wackeln die Zähne, wackelt die Seele. Das Schöne ist, das bei Hunden die Phasen der Entwicklung kürzer sind, als bei Kindern. Ich denke, das vielen Menschen einfach Hintergrundwissen fehlt und sie keine Idee haben, das sie sich informieren können, bzw. oft leider an schlechte Trainer geraten.
    Ich glaube, das ist heutzutage so ein Phänomän, das Kinder und Hunde durch terminiert werden. Das machen wir weder bei unseren Hunden, noch bei unseren Kindern, gemeinsam eine schöne Zeit verbringen und zusammen spielen, Ruhe genießen und kuscheln ist doch so schön. Entschleunigen und entstressen ist wichtig, nur man muss einen dicken Pelz haben gegenüber der Allgemeinheit.

  3. Angela sagt:

    Es wäre schön, wenn auch ein paar konstruktive Verhaltenstipps gegeben werden könnten.

    • Ute Rott sagt:

      Es stehen jede Menge Informationen in dem Artikel drin: Stress vermeiden, Welpen erst ab der 10. / 11. Woche holen, kein Industriefutter füttern, nicht alleine schlafen lassen und schon gar nicht im Zwinger…. Wenn man das allein beherzigt, dann ist schon sehr viel geholfen.

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