Nachdenken über Tierschutz

von Ute Rott – Forsthaus Metzelthin

Kürzlich kam über Facebook die wahrlich empörende Meldung von den ca. 1.000 Ferkeln, die bei 30°C ohne Wasser und Kühlung über die Autobahn von Holland nach Rumänien – oder auch umgekehrt –  transportiert werden sollten. Dank einer aufmerksamen und mutigen Frau wurde die Polizei alarmiert und den armen Tieren konnte wenigstens ein bißchen Linderung verschafft werden.

Vor einigen Wochen waren wir bei Bekannten, die im Tierschutz sehr engagiert sind. Sie holen ihre Hunde und Katzen aus dem Tierheim und gehen auch sehr gut mit ihnen um. Zum Abendessen gab es gemischten Salat für mich und die anderen Bockwurst vom Aldi.

Eine Bekannte von mir arbeitet bei einer Supermarktkette an der Fleischtheke. Es gibt allen Ernstes Menschen, die fragen, wo die Hühnchenflügel, Stück € 0,29 (!), denn herkommen. Das fragt bei ihr jeder nur einmal, denn ihre Antwort: „ja, was meinen Sie wohl? Ganz sicher nicht von der Wiese beim Kleinbauern!“ donnert sie dem Frager so um die Ohren, daß er kleinlaut mit seinem partiellen Billighühnchen abzieht.

Wir hatten mal Bekannte, bei denen es grundsätzlich Grillfleisch von der Billigtheke gab: so stark in Gewürze eingelegt, daß man kaum wußte, isst man Fisch oder Fleisch. Dafür gabs viel, weil wenns wenig kostet, kann man ja auch mehr kaufen. Die beiden waren sehr tierfreundliche Menschen und konnten sich über Geschichten wie die mit den Schweinetransport total aufregen.

Andere regen sich jedesmal in den Netzwerken lautstark auf, wenn im Vorfeld von sportlichen, gesellschaftlichen. politischen oder kulturellen Großereignissen Straßenhunde gefangen und brutal getötet werden. Auf die Idee, sich einen Hund aus dem Tierschutz zu holen, kommen sie nicht. Sie gehen zum Züchter kaufen dort für viel Geld einen Rassehund.

Wieder andere ereifern sich lautstark über Qualzucht. Aber ihre eigenen Rassehunde mit Endlosstammbaum und berühmten Vorfahren, der an Stoffwechselstörungen leidet, an ererbten Augenerkrankungen oder im Sommer am Wahnsinnsfell oder im Winter an zu dünnem Fell, der Rüde, unter Hypersexualität leidet oder die Hündin, die halt nun mal alle 4 Monate läufig ist, die sind nicht das Opfer von Qualzucht, nur weil sie nicht die allseits bekannten Qualzuchtmerkmal wie Schäferhunde oder Möpse haben?

Was ich nie begreifen werde, sind diese Widersprüche. Was denkt der mit dem Billighühnchen? Wenn er nur lange genug nachfragt, gibt es den Hühnerschenkel vom Superbiohuhn aus der absolut artgerechten Haltung mit max. 30 Hühner im wunderschönen Obstgarten auch für € 0,29? Oder die Tierschützer, die sich für Hunde und Katzen einsetzen und trotzdem Billigfleisch von unbestimmter Herkunft kaufen? Glauben sie, daß Schweine, Hühner und Kühe kein Recht auf ein anständiges Leben haben?

Wenn jemand gerne Fleisch isst und er achtet darauf, wo er es kauft, wo das Tier herkommt, daß nicht nur Einzelteile verkauft werden, sondern das ganze Tier genutzt wird, dann wird er sicher auch akzeptieren, daß dieses Fleisch teurer ist als anderes. Das kann bedeuten, daß er eben nicht jeden Tag Schnitzel und Bockwurst auf dem Teller hat. Das bedeutet aber auch, daß er bessere Qualität und auch ein leichteres Gewissen haben kann. Ganz nebenbei unterstützt er die, die die Tiere ordentlich halten und sie nicht sinnlosen Quälereien aussetzen. Und: ja, da ist mit Mehraufwand und Mehrkosten verbunden, zumindest mit Mehrkosten, die man selber nachvollziehen kann. Die, die durch Verschleuderung unserer Steuergelder in Form von Suventionen an Agrarfabriken und Tierquäler verschleudert werden, können wir allerdings nicht so einfach nachrechnen. Dadurch verschwinden sie aber nicht.

Ebenso ergeht es mir mit den Rassehundefreunden. Ja, ich verstehe sehr gut, daß man sich für die Eigenschaften einer Rasse, für das Aussehen und die Schönheit bestimmter Hunde begeistern kann. Der Eleganz eines Dalmatiners, der im gestreckten Lauf über die Wiese rennt, kann man sich nicht so leicht entziehen, ebensowenig der Sanftmut der Langhaarcollies oder dem fröhlichen Temperament vieler Terrier. Aber ist das ein Grund zu akzeptieren, daß Zuchtkriterien, die nach wie vor gültig sind, beim Dalmatiner Taubheit und Blindheit zu Folge haben können, beim Collie zu massiven Augenproblemen und Problemen bei sommerlicher Wärme – bei dem Fell muß es keine 30° haben, um zu leiden – führen, und beim Terrier eine oft nur schwer in den Griff zu bekommende Unverträglichkeit mit Artgenossen bewirken? Und das sind nur ein paar wenige Beispiele aus einer langen Liste.

Ja, natürlich weiß ich nicht unbedingt, welche Probleme und wieviel Arbeit ich mir mit so einem Überraschungspaket aus dem Tierschutz ins Haus hole. Aber es ist immer sinnvoll, einem Lebewesen, das abgeschoben wurde und das denkt, keiner will es mehr haben, ein schönes und gutes Leben zu bereiten. Dann gibts eben mal ein paar Pipipfützen auf dem Teppich oder zerbissene Stuhlbeine oder auch mal blutige Kratzer auf der eigenen Haut. Aber irgendwann stellt jeder fest, der sich das mal angetan hat, daß es sich einfach nur gelohnt hat und man mit dem absoluten Traumhund zusammenlebt.

Wer sich für Tierschutz engagiert und über irgendeines der vielen Probleme ereifert, sollte sich darüber im Klaren sein, daß Tierschutz ein unglaublich vielfältiges Thema ist, das weder bei Viehtransporten anfängt, noch bei der Qualzucht aufhört. Und beenden können dieses Leiden nur wir selber. Indem wir aufhören mit diesem Rassewahn, indem wir überlegen, welches Fleisch und wieviel wir essen und bei wem wir es kaufen, indem wir mit der größtmöglichen Konsequenz handeln. Das schließt nicht aus, daß jeder von uns immer mal wieder mehr oder weniger große Kompromisse schließen muß. Aber letztendlich läuft alles darauf hinaus, daß wir nach der Maxime handeln:

Wer, wenn nicht ich, und wann, wenn nicht jetzt?

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