Offener Brief an die Zeitschrift der Hund: „Bei Knopfdruck: Strom“

von Ute Rott, Forsthaus Metzelthin

Artikel über die Verwendung von Reizstromgeräten in „Der Hund“ 10/2013 von Adina Lietz

 Sehr geehrte Damen und Herren,

 während der Vorbereitung zu meinem Seminar „…wenn sonst nichts hilft… Warum Gewalt im Umgang mit Hunden wieder populär wird“ traf die aktuelle Ausgabe Ihrer Zeitschrift bei mir ein. Voller Interesse las ich sofort den Artikel „Bei Knopfdruck: Strom“ und dachte, ich lese nicht recht. Um ganz sicher zu gehen, daß ich hier nichts missverstanden habe, las ich den Artikel mehrfach durch, aber der Inhalt wurde dadurch nicht besser.

Laut ihrer eigenen Aussage bei Xing liefert Frau Lietz „fachlich fundierte Artikel“. Nach der Lektüre dieses Artikels kann ich mir nur vorstellen, daß sie entweder eine etwas merkwürdige Vorstellung von „fachlich fundiert“ hat oder der Artikel ist eine Auftragsarbeit für den Hersteller von Stromreizgeräten. Ich möchte mich nicht weiter damit aufhalten, was diese Geräte bereits angerichtet haben und leider weiter anrichten werden. Es ist hinreichend bekannt, daß es nicht möglich ist, mit dieser Art von Einwirkung einen tatsächlichen Lernprozess einzuleiten, sondern daß es sich einfach um Folter handelt. Und seit wann fördert Folter das Lernvermögen?

Wer zudem behauptet, es wäre möglich, Geräte zu entwickeln, die nicht mehr tierschutzrelevant wären, weil sie ja nur mit einem „Piep“ und Vibration am Hals einen Hund vom Jagen abhalten könnten, der hat schlicht sein Denken an der Garderobe abgegeben. Solche Geräte gibt es bereits, bei sehr sensiblen Hunden wirken sie, mit der unvermeidbaren Nebenwirkung, daß diese Hunde bei jedem „Piep“ oder Summen erstarren und vollkommen traumatisiert sind, oder sie wirken eben nicht. Um ein solches Gerät wirksam einsetzen zu können, muß der Hund mindestens einmal in seinem Leben einen für ihn beeindruckenden Stromschlag erhalten haben, so daß er tatsächlich sein Verhalten sofort unterbricht. Wieviele Stromschläge muß er dann evtl. aushalten, bis die wirksame Dosis erreicht ist? Ganz nebenbei: nach dem Einsatz von Sprühalsbändern, die Sie und Leute wie Frau Dietz vermutlich auch nicht als tierschutzrelevant einstufen, können Sie in der Nähe der meisten damit gefolterten Hunde nicht mal mehr ein Mineralwasserflasche öffnen. Sollte Frau Dietz Interesse daran haben, sich über die Wirkung und Auswirkungen dieser Geräte fachlich fundiert zu informieren, können Sie ihr gerne meine Kontaktdaten weitergeben. Zu einer ausführlichen Beratung bin ich gerne bereit.

 Frau Dietz nennt als Kronzeugen Tierärzte der Hochschule Hannover, die eine „Empfehlung zum tierschutzgerechten Einsatz von Telereizgeräten in der Hundeausbildung“ herausgegeben haben. Ich frage mich, was das für Tierärzte sind, die zur Folter in der Hundeausbildung raten. Das eine ist aber, daß jemand so eine „Empfehlung“ schreibt, das andere ist, sie in einer der größten deutschen Hundezeitschriften als großartige Erkenntnis zu propagieren, denn wenn Tierärzte so etwas gut finden, dann kanns doch nicht so schlimm sein, oder?

 Ich gebe ehrlich zu: ich habe es einfach satt, mir diese grausigen Dinge immer wieder anzuhören oder auch solche Artikel zu lesen. Geben Sie einfach mal bei Google „Folter“ ein, es ist höchst interessant, was man dort zum Thema „Strom“ findet. Allerdings braucht man auch starke Nerven bei der Lektüre. Es gibt jede Menge gute und interessanter Bücher über Hunde, Hundeverhalten, gewaltfreien Umgang. Es steht allen Menschen – auch Ihnen und Frau Dietz – frei, sich zu informieren durch die Lektüre dieser Bücher, durch den Besuch von Hundeschulen, die entgewaltfrei arbeiten, durch Recherchen im Internet und in den sozialen Netzwerken. Es gibt keinen Grund, Hunde mit Strom zu foltern, und es gibt keine Möglichkeit, diese Folter „tierschutzgerecht“ anzuwenden.

 Wie oft muß man eigentlich noch sagen, daß Hunde empfindungsfähige, fühlende und denkende Lebewesen sind, die mindestens so leidensfähig sind wie Menschen? Was berechtigt Sie, solche Folter im Umgang mit Hunden unter dem Deckmantel der Tierliebe zu propagieren mit den immer gleichen und zur Genüge widerlegten Argumenten? Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, daß nur die Leute solche Geräte benötigen, die den Hunden Dinge abverlangen, die die Hunde nur unter Zwang und massiver Bedrohung machen?

 Auch wenn ich mich wiederhole: ich habe es satt, die Ergüsse von Tierquälern zu diesem Thema zu lesen. Ich weiß, was hier läuft, ich habe die Ergebnisse Ihrer und anderer „Experten“ immer und immer wieder im Training. Es reicht einfach. Wer zu solchen Mitteln greift oder ihren Einsatz empfiehlt, sollte die Finger von Hunden lassen, denn so jemand hat eben nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft.

Deshalb kündige ich hiermit unwiderruflich das Abonnement der Zeitschrift „Der Hund“. Eine Zeitschrift wie Ihre möchte ich definitiv nicht mehr lesen und auch nicht als Abonnentin finanziell unterstützen.

 Hochachtungsvoll

Ute Rott
Hundetrainerin / Verhaltenstherapeutin für Hunde
Mitglied im Fachkreis Gewaltfreies Hundetraining
Metzelthin 22
17268 Templin
Tel. 039885 – 52 00 70
www.forsthaus-metzelthin.de

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Ein Kommentar zu Offener Brief an die Zeitschrift der Hund: „Bei Knopfdruck: Strom“

  1. Thomae Ilse sagt:

    Ich habe mir nicht lange überlegt einen Kommentar hier zu schreiben.
    Es ist einfach wirklich nur mühsam immer und immer wieder darauf hinzuweisen, dass ein Hund bei der Einwirkung von solchen Geräten einfach nichts positives lernen kann.
    Wann geht das enlich in die Köpfe von diesen „Fachidioten“!

    Der Hund wird traumatisiert und traut sich selber nichts mehr zu. Es entsteht Meideverhalten und Angst vor jedem kleinen Gräusch!!!

    Ich möchte der Dame die diesen Artikel geschrieben hat ein Buch empfehlen.

    Die Welt in seinem Kopf- über das Lernverhalten von Hunden!
    Erschienen im Animal learn Verlag. Hier wird man fündig!!!

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