Halsband und Probleme mit der Körpersprache

von Ute Rott – Forsthaus Metzelthin

Eigentlich sollten gar keine Zweifel bestehen nach allem, was man mittlerweile weiß. Und es ist auch schon lange Konsens, daß Brustgeschirre wesentlich gesünder für Hunde sind als Halsbänder. Trotzdem werden nach wie vor Hunde am Halsband geführt und – was mich am meisten wundert – auch manche KollegInnen, die gut und ordentlich mit Hunden umgehen, haben auf ihren Internetseiten überwiegend Hunde mit Halsbändern. Das sind in der Regel breite und weiche Halsbänder, keine Würger, keine Stachler und soweit ist das ja auch gut. Aber neben ernsthaften gesundheitlichen Problemen, die durch fast alle Halsbänder hervorgerufen werden können, gibt es auch Verhaltensprobleme, die ich hier näher beleuchten möchte.

Ich setze voraus, daß meine Leser wissen, wie sich das Führen am Halsband auf den Körper des Hundes negativ auswirken kann. Wer das nicht weiß, kann hier: http://www.forsthaus-metzelthin.de/brustgeschirr.html nachlesen.

Viele Hunden laufen auf dem eigenen Grundstück oder im Haus ohne Brustgeschirr rum, und das ist auch gut so.  Für den Hund ist das wesenlich angenehmer, wenn er mal „nackig“ ist. Allerdings legen manche Leute ihren Hunden ein Halsband um, um ihn z.B. sofort halten zu können, wenn jemand kommt oder klingelt oder vorbeifährt…. in Situationen also, in denn der Mensch die Kontrolle behalten möchte. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn nicht genau dieser Griff ins Halsband häufig ernsthafte Probleme erzeugen würde. Und das geht so:

Es meldet sich jemand am Gartentor, Hund läuft hin und bellt, nicht unbedingt unfreundlich, eher so: „Hallo, hier ist jemand! Kann mal jemand kommen und nachschauen?“ Mensch geht hin und möchte den Besucher hereinlassen. Damit der vom Hund ungehindert hereinkommen kann, hält er diesen am Halsband fest. Damit bringt er ihn aber in Imponierstellung und ändert automatisch den Gemütszustand des Hundes. Es kann passieren, daß von jetzt auf gleich der Hund völlig ausrastet und zu dem Besucher nur noch unfreundlich ist. Wenn man diese Aktion öfter durchzieht, kann sich das so entwickeln, daß er Besucher überhaupt nicht mehr leiden kann. Warum ist das so?

Stellen Sie sich vor, Sie beschreiben jemanden, wie Sie sich in dieser oder jener Situation gefühlt haben. Automatisch – selbst wenn Sie nur telefonieren – nehmen Sie eine Körperhaltung ein, die diesem Gefühl entspricht. Versuchen Sie mal in begeistertem Ton zu sagen: heute ist aber tolles Wetter! während Sie schlapp dasitzen, einen Buckel machen und die Schultern hängen lassen. Wenn Sie diesen Satz wirklich so empfinden, dann richten Sie sich automatisch auf und straffen den Körper. Umgekehrt funktioniert das auch.  Wenn Sie wirklich unglücklich sind, dann sieht man das an Ihrer Körperhaltung. Und wenn Sie versuchen, das zu überspielen, merken das Ihre Mitmenschen. So funktioniert Körpersprache: Gefühl und Ausdruck stimmen überein.

Wenn Sie Ihren Hund jetzt am Halsband nehmen und festhalten, er also dadurch den Kopf aufrichten muß, ist das genau die Körperhaltung, die er einnimmt, wenn er jemandem imponieren oder sogar drohen möchte: dann macht er sich groß und imposant. Das tut er aber nur, wenn er davon überzeugt ist, daß von seinem Gegenüber irgendeine Gefahr ausgeht. Wo besteht aber in diesem Moment- ein Bekannter möchte Sie besuchen – irgendeine Gefahr? Das einzige, was Sie jetzt möchten, ist, daß Ihr Freund vom Hund unbehindert hereinkommen kann. Und mit Ihrer Aktion bringen Sie ihn dazu, daß er Ihren Freund als Gefahr einstuft. Der Druck auf den Kehlkopf, der auch bei einen breiten, weichen Halsband erfolgt, tut noch ein übriges.

Genau das gleiche passiert, wenn Sie ihn am Halsband kurz nehmen, z.B. wenn Sie an einem anderen Hund vorbeigehen. Jedesmal wirken Sie auf seine Körpersprache ein und hindern ihn daran, das auszudrücken, was er eigentlich möchte, z.B. er findet den Besucher interessant und möchte ihn nur kennenlernen, Den entgegenkommenden Hund findet er etwas schwierig, würde das aber mit den entsprechenden Signalen hinkriegen. Sie verkürzen damit auch extrem seinen Aktionsradius, wenn er also weggehen möchte, weil er den anderen einfach zu stressig findet, dann kann er das nicht mehr. Auch das erhöht seinen Stress und u.U. seine Aggressivität.

Es gibt eine neue Studie, die in den USA zum Thema „Hundehalter verursachen Aggression bei ihren Hunden“, die beweist, wie Menschen die Aggressivität ihrer Hunde negativ beeinflussen, also erzeugen und befördern. Unter anderem kann man das wunderbar damit bewerkstelligenern, indem man seinen Hund über ein Halsband beeinflusst und seine Körpersprache manipuliert.

Ein gut sitzendes Brustgeschirr und eine entsprechend lange Leine, mindestens 3 Meter, geben dem Hund aber genügend Freiraum, so daß er ausweichen kann, wenn er möchte und Sie auch seine Aktionen beobachten und richtig einschätzen können. Im Falls des Besuchs empfiehlt es sich, ein vernünftiges Besuchsritual einzutrainieren, so daß Bello weiß: „wenn jemand kommt und ich ihn gemeldet habe, kommt mein Mensch und übernimmt, ich warte in der Zwischenzeit weiter hinten, denn meine Aufgabe ist erledigt.“ Das ist entspannend für alle Seiten, überzeugt Ihre Pelznase von Ihrer Führungskompetenz und gibt Ihnen die Gewissheit, daß Sie alles richtig machen.

Welche Art von Geschirr empfiehlt sich nun? Nicht alle sind empfehlenswert.

Als unser Mäxchen zu uns kam, hatte er eines dieser Geschirre, die wegen der Sprüche so beliebt sind, die man drauf kleben kann.  Wie man auf dem Foto gut sieht, schnürt dieses Geschirr wegen seiner Machart unter den Achseln ein. Zudem bewirkt der Sattel, daß darunter ein Hitzestau entsteht, zudem liegt der Sattel oft auf den Nieren – dem Stressorgan – auf. Außerdem haben diese Geschirre keinen Gurt, der über die Brust zum Bauchgurt führt. U.U. kann also passieren, daß der Halsgurt hochrutscht und Sie haben den gleichen Effekt wie beim Halsband.

Heute trägt er ein together-Geschirr, das nicht drückt, nicht zwickt und leicht anliegt. Falls er wieder mal zieht – weil die Gänse auffliegen ;o)) – verteilt sich der Druck auf das Brustbein. Zwar kann man nie verhindern, daß auch das die Körpersprache verändert, aber der Einfluss wird auf ein Minimum reduziert.

In Verbindung mit einer genügend langen Leine kann man auch reagieren und ihn abbremsen, noch vor er in den Zug kommt.  Auf dem Bild kann man gut erkennen, daß die Leine ganz locker am Boden schleift und selbstverständlich muß man noch genügend in der Hand haben, damit keine unliebsamen Überraschungen passieren.

Es gibt also keine Gründe, einem Hund ein Halsband umzulegen,  zumindest gibt es keinen einzigen den Hund daran festzuhalten oder daran zu ziehen – außer man kann ihm nur so das Leben retten. Aber das kommt jetzt nicht wirklich häufig vor.

 

 

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