Wie bescheiden darf man bei TV-Trainern eigentlich sein?

Auf Sixx, dem Kanal mit zuverlässig seriösen Hundetrainern, gibt es ein neues Highlight: Brandon McMillan. Wer kurz reinschaut erfährt erstaunliches: in ganz kurzer Zeit zu tollen Erfolgen, alles immer nur nett und freundlich, das Hauptanliegen ist total selbstlos: eigentlich unvermittelbaren Hunden eine Zukunft in einem schönen Zuhause zu geben…. jaja, die Guten sterben einfach nicht aus. Noch dazu ist der Kerl im Gegensatz zu einem gewissen Cesar Millan recht erfreulich anzusehen – also mein Typ ist er nicht. Aber er ist recht knackig und ich kann mir vorstellen, dass manch ein Mädel erstmal nur auf seinen Hintern kuckt und weniger darauf, was er so mit den Hunden macht.

Jetzt ist es nicht so mein Ding solche Sendungen anzuschauen, in der Zeit gehe ich lieber mit meinen Hunden spazieren, wenn ich sonst nix zu tun habe. Aber wenn in allen möglichen Facebook-Gruppen und von allen möglichen HundetrainerInnen, so einer plötzlich in den Himmel gelobt wird – nein, nicht sein Popo, sondern auch sein Training – dann finde ich durchaus, daß ich mir die Zeit mal nehmen kann. Und dann schau ich rein und bin nur noch baff.

Tja, liebe HundefreundInnen und liebe KollegInnen, ich muß schon sagen, ihr seid ja sehr bescheiden. Nicht was das Äußere dieses Herrn betrifft, auch wenn ich von hübschen Männern andere Vorstellungen habe, sondern sein Training. Und damit: Ironie aus!

Selbst wenn man sich die Filmchen nicht reinzieht, dann sollte man sich z.B. folgende Ankündigung auf der Zunge zergehen lassen:
„Jeder braucht ein Zuhause – Tony und BJ möchten den sechs Monate alten Chihuahua Flash in ihres aufnehmen. Bevor er jedoch zu seiner neuen Familie ziehen kann, will sich Brandon das Kau-Problem des Hundes ansehen und ihn lehren, wie man neben einem Fahrrad herläuft.“
Leider war es nicht möglich, eine Vorschau oder den Film in der Mediathek zu sehen, deshalb kann ich nichts über das Kauproblem sagen, was immer das auch sein mag. Aber was bitte ist von einem Hundetrainer zu halten, der einem 6 (sechs!) Monate alten Chihuahua beibringen möchte, am Fahrrad zu laufen? Chihuahua! Maximal 3-4 Kilo, wenns ein großer ist! Noch längst nicht ausgewachsen! Offenbar aus dem Tierschutz und das zweitwichtigste Thema nach dem Kauproblem ist: lauf neben dem Fahrrad her!

Leute, ich fass es nicht! Muß ich mir wirklich noch eine visuelle Kostprobe gönnen, wenn ich so etwas gelesen habe? Wer außer mir hat diese Ankündigung noch gesehen? Oder geht das hier nach dem Motto: wer lesen kann, ist klar im Vorteil – aber die meisten kucken lieber? Auf den Hintern von dem Kerl?

Entschuldigung, ich habe vergessen: keine Ironie mehr. Aber nachdem ich mir auf Youtube angesehen habe, wie er der kleinen, schüchternen Leah „stay“ (=bleib) und noch alle möglichen anderen Kommandos in einer (!) Trainingseinheit beibringt, frage ich mich einfach nur noch, ob nur ich Augen im Kopf habe.

Eine kleine, zarte, verunsicherte Hündin soll ganz schnell „bleib“ lernen, ist ja auch eines der wichtigsten Signale, die ein Hund im Alltag so braucht. Als erstes sehen wir, wie man es defintitiv nicht machen soll: er gibt der Hündin ein Kommando „stay“ und geht weg. Überraschung! Sie kapiert es nicht. Das findet er komisch – also sowas, so ein Dummerchen. Dann wird die kleine Maus erstmal auf einem Tisch – wozu das denn? – dazu gebracht „sitz“ und „platz“ zu machen. Das geht zackzack, sie kapiert eigentlich nix, weil er ununterbrochen redet, laut, grob, es ist keine Unterscheidung möglich, ob er gerade dem Zuschauer was erklärt, ein Kommando gibt oder die Hündin lobt. Dann machen wir bißchen bei-Fuß-Training, da bedrängt er die Maus, indem er ihr extrem wenig Platz zum Ausweichen gibt  – wenn ich mich in die Kleine so hineinversetze, dann hat sie vermutlich permanent Angst während dieser „Übung“ zertreten zu werden. Schließlich zerrt er sie an der Leine zurück, weil er ganz eilig in die Kamera grinsen und wichtige Dinge von sich geben muß. Schließlich gibt es  – wieder auf dem Tisch – eine Lektion in „Nein“ als Abbruchsignal….. das ist sowas von grausig aufgebaut, daß es mich nur noch schüttelt. In Windeseile werden ihr Leckerchen vor die Nase gelegt, weggezogen mit „no!“ + Schnauzengriff, dann ins Mäulchen gestopft. Der Hund, der das versteht in allen Konsequenzen, ist meiner Meinung nach das 8. und 9. Weltwunder  in einer Person.

Und dann kommt der Höhepunkt: „stay“  – die ultimative Trainingsmethode. Hunde neigen dazu, in 8 Richtungen wegzulaufen. Sagt Brandon McMillan. Meine wissen davon nix, die haben sehr viel mehr Varianten, aber die leben ja auch nicht USA. Damit man das einschränkt, wird die kleine Leah, der der Stress schon aus allen Poren rauskommt, in eine Ecke gesetzt, Mr. McMillan stellt sich vor sie hin, dann hat sie nur noch zwei: natürlich bleibt sie sitzen nach allem, was sie vorher mit ihm erlebt hat. Er steht max. einen halben Meter vor ihr in einer Haltung, als müßte er einen Flugzeugträger kurz vor dem Crash aufhalten. Die Hündin hat ca. 10 Kilo. Leah ist mittlerweile so eingeschüchtert, daß sie einfach sitzen bleibt, ihr ist schon alles gleich.

Liebe HundefreundInnen, wer das nicht glaubt, was das für ein Irrsinn ist, der sollte einfach mal den Ton ausschalten, und drei Durchgänge machen: zuerst den Hund beobachten und dann den Supertrainer, dann den Ton einschalten und Augen zumachen und dann fragt euch bitte: was an diesem Typen gibt uns einen Hinweis darauf, daß er ein guter Trainer ist? Daß er irgendwas von Hunden versteht, das über „Hunde haben unter allen Umständen so zu sein, wie Menschen das wollen“ hinausgeht?

Hier ist der Link, hier könnt ihr den Test machen.

So und jetzt zu den großen Lobhudeleien. Einige haben in den Diskussionen mehr oder weniger schüchtern angemerkt, daß ein gutes Training vielleicht aus ein bißchen mehr besteht, als aus – reichlich merkwürdigem – Lob und Leckerchen. Darauf kamen so schlagende Argumente wie: „aber er tritt, zwickt und würgt die Hunde nicht, er lobt und streichelt sie und man merkt er hat sie gern.“ Und der Gipfel war: „naja, nach oben ist noch ein bißchen Luft.“

Aha, wie schön. Wenn mein Mann mich also nicht regelmäßig verprügelt – was ich ihm nicht raten würde  -, dann ist das ein Beweis seiner übergroßen Liebe? Und wenn er mein mageres Hundetrainerinneneinkommen weder verzockt noch versäuft, ist das ein klarer Hinweis auf unsere wunderbare, harmonische Ehe? Aber ansonsten, wenn er mich nur nicht verhaut und ohne Geld läßt, dann ist zwar noch nach oben ein bißchen Luft, aber sonst ist doch alles easy, oder?

Also jetzt endgültig: keine Ironie mehr.

Im Ernst: wie bescheiden darfs denn sein? Ich darf alle Beschwichtigungsignale übersehen, die ein überforderter Hund mir zeigt, ich darf vollkommen ignorieren, daß hier gerade ein Hund in erlernte Hilflosigkeit getrieben wird, ich darf darüber hinwegsehen, daß ein Hund am Halsband rumgezerrt wird, daß er in immer gleichbleibendem, lautem, grobem Ton zugetextet wird, daß mir beim Zuhören fast die Ohren abfallen –  nur weil dieser Typ – wieder einmal – Hunde rettet, die keiner haben will, weil er sie nicht tritt oder würgt, weil er sie auch mal streichelt? Oder ist das doch eher dem knackigen Hintern zuzuschreiben, daß hier auf einmal Wissen über Hunde nicht so wichtig ist?

Was glaubt ihr, warum kommt der ausgerechnet auf Sixx? Weil er so gewatlfrei ist? Oder weil er so viel kann? Oder weil er Hunde liebt und ihnen – siehe Chihuahua – ganz neue Möglichkeiten im Leben eröffnet? Oder vielleicht ganz einfach: weil zusätzlich zu dem Ekel Cesar Millan ein neues, sympathischeres Gesicht gebraucht wird, das Zuschauer anlockt? Seit wann interessiert es auch nur einen einzigen Programmgestalter, wie es den Hunden geht und wie qualifiziert ein Training ist?

So und jetzt noch ein paar Takte zum Thema: Ironie. Es gibt verschiedene Möglichkeiten über solche Themen zu schreiben. Ironie ist meine Möglichkeit, um zu verhindern, daß ich beim Schreiben laut zu schreien anfange, in die Tischplatte beiße und den Computer zum Fenster rausschmeiße. Denn es widert mich einfach an, wie leicht Menschen dazu zu bringen sind, etwas gut zu finden, was für die Hunde wieder mal eine Katastrophe ist, nur weil der Hauptdarsteller irgendwelchen fragwürdigen Schönheitsidealen entspricht. Ich freue mich schon auf die Kunden, die nach diesem hervorragenden, hochqualifizierten Vorbild ihrem Hund innerhalb eines einzigen Trainings 7 (sieben) Kommandos beibringen wollen, fest davon überzeugt sind, daß grobes Zutexten genau der richtige Ton ist und sich dann wundern, warum nix klappt und ihr Bello freidreht.

P.S. Genau: abrufen von einem Podest war auch noch dabei! Alles was ein Hund im Leben eben so braucht!!! Was mich nur irritiert: woher weiß Leah, daß sie kommen soll, wenn sie nicht auf dem Podest ist, sondern einfach so rumläuft?

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2 Kommentare zu Wie bescheiden darf man bei TV-Trainern eigentlich sein?

  1. Vera sagt:

    Ich habe den Trainer nicht gesehen. Schaue ich mir evtl später an,aber dank deiner plastischen Schilderung habe ich Tränen gelacht,auch wenn das Thema mehr als beschämend ist. Dank für deine Analyse

  2. Pingback: Mein Liebster Award - Online Hundeschule

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