Wissenschaft für Gewalt im Hundetraining?

In einem meiner letzten Blogartikel ging es um eine kurze Korrespondenz mit einem Vertreter „stringenterer Methoden“ in der Hundeerziehung, in der meine Auseinandersetzung mit der Schüsselszene von Michael Grewe kritisiert wurde. Dieser Herr hat in seiner Mail etwas geschrieben, das mich nicht in Ruhe läßt. So gut wie alle Hundetrainer berufen sich auf wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse, die ihr Training untermauern sollen – auch die Befürworter und Anwender von Gewalt und Folter wie Leinenruck, Strom oder eben Schüsseln, die Hunden um die Ohren gehauen werden, um sie durch sog. Interventionstraining von unerwünschtem Verhalten nachhaltig abzuhalten.

Hier nochmal ein Zitat aus dem Text:

„…. Aus lernpsychologischer Sicht, und so wird es auch an den tierärztlichen Hochschulen gelehrt, muss eine Intervention auf ein unerwünschtes Verhalten innerhalb von zwei Sekunden erfolgen, um ein Lernziel zu erreichen. Bei einem Angstbeißer  ist die ohnehin kurze Zeit noch kürzer, und der Hund darf nie den Hundeführer selbst als Disziplinierenden wahrnehmen, wenn das Verhältnis nicht unrettbar zerstört werden soll. Also darf der Besitzer nicht selbst zu solchen Maßnahmen greifen, dafür gibt es den Hundetrainer, es muss eine einmalige Aktion bleiben, und was völlig übersehen wurde ist, der Hund hatte einen Maulkorb auf, der den Schlag dämpfte – die Wirkung aber nicht! Sicher wird dieser Trainer kein Freund des Hundes sein, aber für das Leben des Hundes, der ja eingeschläfert werden sollte, und die  Besitzerin war diese Maßnahme heilsam…“

Wenn diese Art von Lernpsychologie an Tierärztlichen Hochschulen gelehrt wird, dann wundert mich nichts mehr. Dann ist eigentlich klar, warum Tierärzte nach wie vor Alphawurf und Schnauzengriff empfehlen und höchst merkwürdige Vorstellung von der Seele eines Hundes haben. Das sollte mich als mittlerweile doch recht gut etablierte Trainerin nicht erschrecken, da die Kunden mir in so gut wie allen Fällen mehr glauben als den Tierärzten, vor allem, weil meine Argumente und meine Arbeit überzeugend sind.

Das Problem, das ich hier habe, ist: das geht als Wissenschaft durch. Manch einer mag den folgenden Vergleich überzogen finden, aber ich finde, er passt. Während der zwölfjährigen Herrschaft des Nationalsozialismus fanden zahlreiche Versuche an Menschen statt, an Kindern, Behinderten, Schwachen, Kranken und rassisch „Minderwertigen“. Da wurden Sachen veranstaltet, da kommt einem das kalte Grausen. Ich weiß nicht, ob das eine typisch deutsche Eigenschaft ist, aber über diese Versuche und die in meisten Fällen folgenden Ermordungen wurde von Ärzten und „Pflege“personal gewissenhaft Buch geführt und alles auch genauestens ausgewertet. Für diese Leute war das, was sie betrieben, „Wissenschaft“.

Wo ist die Parallele?

Jemand, der gewalttätige Methoden an Hunden untersucht und lehrt, und dabei denkt, er würde tatsächlich lernpsycholgische Erkenntnisse nutzen, weiß einfach nicht wovon er spricht oder er hat von Erziehung komplett andere Vorstellung wie ich. Erziehung bedeutet für mich, einem mir anvertrautem Lebewesen zu zeigen, wie die Welt um uns herum so läuft und wie wir gut darin klar kommen. Ich bin sein Vorbild, d.h. auch und gerade in konflikträchtigen Situationen – für meinen Hund – bin ich es, die ihm zeigen muß (!), wie wir uns verhalten, um stressfrei da raus zu kommen. Dazu brauche ich einen entspannten Hund, der zu mir Vertrauen hat, der nachdenkt ehe er handelt und der genug Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein mitbringt, um auch etwas schwierigere Momente ruhig und gelassen angehen zu können.

Interessanterweise stimmt das optimal damit zusammen, wie Lernen bei Hunden und nicht nur bei ihnen – wissenschaftlich bewiesen – funktioniert. Ein Hund – oder auch ein Mensch, eine Katze, ein Pferd – lernt am leichtesten, in einer entspannten, sicheren Umgebung, wenn ihm die Aufgabe ruhig und einfach erklärt wird und mit einem Erfolg endet. Winkt dazu noch eine begehrte Belohnung, wird es noch besser und leichter.

Und jetzt zu dem Angsthund, dem man sofort und unverzüglich etwas um die Ohren hauen muß. Immerhin ist schon mal klar, daß es ganz schlecht ist – auch wissenschaftlich bewiesen? -, wenn das der Hundehalter selber macht. Denn was verliert der Hund dann? Aha – sein Vertrauen. Aber wie sieht es mit dem Vertrauen aus, wenn wie in der Schüsselszene die Halterin daneben steht und ganz locker zusieht? Baut man hier Vertrauen auf oder demoliert man es nicht eher? Dann ist die Frage: kann ich Angst durch eine angstmachende Behandlung wegtrainieren? In der Humanpsychologie werden solche Methoden durchaus angewenden. Aber! Vorab besprechen Therapeut und Patient wie das abläuft, der Patient gibt seine Einwilligung, er weiß, worauf er sich einläßt und (!) es wird ein Codewort vereinbart, mit dem er sofort aus der Situation rauskommt. Der Therapeut muß unverzüglich abbrechen, wenn der Patient das möchte, sonst macht er sich strafbar.

Wenn jetzt ein Hund mit allem, was er hat, zeigt, daß es ihm zuviel wird, ist er doch in der gleichen Situation wie unser Patient. Richtig? Und warum, wenn schon diese ganzen Methoden und Erkenntnisse in Tierversuchen erforscht wurden, werden sie nicht auf Hunde angewendet? Nämlich: daß Reizüberflutung z.B. mit einer angsteinflössenden Situatione kontraproduktiv ist. Nämlich: daß Lernen am besten in entspannter Umgebung stattfindet und dann auch erfolgreich ist…… Aber warum soll ich das alles wiederholen, ist doch alles bekannt.

Nein, es geht um etwas ganz anderes. Egal wie der Trainer oder die Trainerin heißen: Leute, die solche Methoden anwenden, und Hundehalter, die solches Training gut finden, wollen keinen Hund, der mit einem soliden Selbstvertrauen ausgestattet ist. Sie wollen eine vierbeinige, bepelzte Marionette, deren Seelenleben und Gemütszustand ihnen einfach egal sind – sie haben keins zu haben. Sie haben zu funktionieren.

Wissenschaftler, die so etwas erforschen und in die Welt setzen als wertvolle, praxisnahe Erkenntnisse, sollte man nicht wirklich beachten. Denn leider ist es uns nicht möglich ihre sofortige Entlassung bei den entsprechenden Instituten zu veranlassen. Wir sollten nämlich eins nicht vergessen. Diese Institute führen entsprechende Erkenntnisse als Auftragsarbeiten durch oder als Doktorarbeit. Beispiel gefällig?

„Vergleich der Stressauswirkungen anhand von Speichelcortisonwerten und der Lerneffekte von drei Ausbildungsmethoden bei Polizeihunden“ 2009, Inka Böhm Tierärztliche Hochschule Hannover. Hier wird untersucht, was besser klappt: Stromreizgerät, Leinenruck oder aufkonditioniertes Abbruchsignal. Wer Lust hat, kann sich das hier gerne zu Gemüte führen: boehmi_ss09

Man sollte also die Aussage „wissenschaftlich bewiesen“ genau anschauen. Wer hat was wann warum bewiesen und wem nützt’s? Den Hunden oder fragwürdigen Ausbildern und rücksichtslosen Hundehalter? Und ins Bockshorn jagen sollte man sich von solchen Typen, auch wenn ein „Dr.“ vor dem Namen steht, schon gleich gar nicht.

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2 Kommentare zu Wissenschaft für Gewalt im Hundetraining?

  1. Mona Göbel sagt:

    Klasse – danke!
    Genau mein Denken, Leben, Handeln, Lehren…
    Ich liebe genau aus diesem Grund meine höchst eigenen empirischen Studien über nunmehr gute 30 Jahre.
    Wissenschaft ist nur so gut, wie der, der vorgibt Wissenschaftler zu sein – und – dies hat nicht wirklich viel zu tun mit einem „Titel“!
    Ich weiss, warum ich jetzt im 3. Jahr um meine sogenannte „Sachkunde“ kämpfen muss… Querdenker, oder gar anders denkende sind in diesem Land nicht mehr erwünscht.
    Sehr zum Nachteil derer, die wir vorgeben zu lieben – unserer Hunde!
    Mona Göbel im Januar 2017

  2. Ich halte an meiner gewaltfreien Hundeerziehung fest, eagl um welche Hunderasse oder Hund es sich handelt. Ich verstehe nicht, wie man in einer Ausbildung die mit Gewalt durchgeführt wird Erfolg sehen will.

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