Abbruchsignale – notwenig oder überflüssig?

In vielen Hundebüchern lesen Sie, daß jeder Hund, sobald er Mitglied der menschlichen Gemeinschaft wird, sofort und unverzüglich ein Abbruchsignal lernen muß. Auch viele Hundetrainer behaupten das. Die Argumentation hört sich an, als ginge die Welt unter, wenn Ihr Hund das nicht schon als Welpe beherrscht. Die Frage ist allerdings: wozu ist ein Abbruchsignal gut , wann braucht man es und wie baut man es auf? Und: ist es wirklich das Wichtigste, was ein Hund lernen muß?

Für Welpen ist ein Abbruchsignal ganz sicher nicht erste Priorität. Ein Welpe muß die Welt erkunden und es ist wahrlich eine Todsünde, wenn ich ihm alles verbiete, was ihn interessiert. Das bewirkt u.U. folgendes:
Er traut sich nichts mehr, wird unsicher und ängstlich
oder
er denkt sich: wenn sowieso schon alles verboten ist, ist es auch egal. Und macht was er will.
Für Welpen sollte man sich also etwas anderes ausdenken. Man sollte einen Welpen z.B. nicht ohne Aufsicht lassen, damit man sofort eingreifen kann, wenn der Kleine gefährliche Ideen hat, etwa an der Bügeleisenschnur zu zupfen. Dann ist es aber besser, ihn nicht in die Nähe des Bügeleisens zu bringen, als „pfui ist das“ zu brüllen. Sie müssen also Ihre Wohnung welpensicher machen: Kabel verräumen, Blumentöpfe höher stellen, Kissen in unerreichbaren Regionen verstauen und aufpassen, aufpassen, aufpassen. Und schon sind Abbruchsignale bei Welpen überflüssig.

Trotzdem sollte ein Hund Signale kennen, die ihm verdeutlichen: hör auf mit dem, was du gerade machst, und zwar sofort. Wenn Sie jetzt immer nur ein Wort für alles benützen, z.B. „pfui“, „nein“, „aus“, dann müssen Sie versuchen, jedesmal, wenn Ihr Hund – nach Ihrer Meinung – etwas falsch macht, entsprechend schärfer oder weniger scharf zu klingen. Denn es kann ja nicht sein, daß Sie ihn wegen der geringsten Kleinigkeit immer gleich andonnern. Das dürfte aber nicht so einfach sein, denn einsilbige Wörter wie „aus“ oder „pfui“, die noch dazu für uns negativ belegt sind, wird man immer eher scharf und laut sagen. Egal, was Ihr Hund also macht, er wird immer in Grund und Boden gedonnert.

Dazu kommt, daß es für Ihren Hund teilweise schwer ist zu verstehen, was Sie wollen. Sanftere Gemüter entscheiden sich beim Abbruchsignal oft für das Wort „nein“, eben weil es nicht so hart ist. Aber überlegen Sie doch mal. Bei jeder Gelegenheit ist alles „nein“: nein, zieh nicht an der Leine, nein, nimm nicht den Dreck auf, nein, bell jetz nicht….. Dazu wird es richtig weich gezogen „neeeiiiin“, so daß es sich eher wie ein Lob anhört: das hast du feeeiiin gemacht. Und das soll er verstehen? Zum einen wäre es wesentlich besser, wenn Sie ihm ein Verhalten nicht einfach verbieten, sondern ihm eine Alternative anbieten: also: geh locker an der Leine, geh an dem Dreck vorbei, mach dich leise bemerkbar. Dadurch warten Sie nicht, bis er einen Fehler macht, sondern zeigen ihm, wie es für alle Beteiligten gut ist. Zum anderen sagen Sie 1.000mal am Tag „nein“: nein, was soll das denn wieder! Nein danke, ich habe keinen Hunger….. Und Ihr Hund soll jedes Mal wissen, ob er gemeint ist?

Man braucht aber manchmal eine Ansage, aus der ein Hund schließen kann, daß er jetzt sofort und auf der Stelle sein Tun beenden soll. Jetzt, nicht erst in einer halben Stunde. Dazu sollten Sie 4-5 Ansagen ausdenken, die Ihnen leicht von den Lippen gehen und bei denen Sie ein bestimmtes Bild im Kopf haben. Allerdings sollten auch dann nicht ständig alles verbieten. Wenn Ihr Hund an den Hinterlassenschaften eines anderen Hundes schnuppert, finden Sie das vielleicht eklig, Ihr Hund aber nicht. Deshalb wird er gar nicht verstehen, warum das „pfui“ sein soll. Aber wenn er gerade einen Kumpel aus der Hundegruppe nervt, und Sie sagen laut und unfreundlich, in angemessener Lautstärke: „Laß das!“ oder „Benimm dich“ dann ist ihm schon klar, was Sie meinen. Und er wird damit aufhören. Wenn er allerdings erst drüber nachdenkt und Sie ihn mit einem „denk erst nach“ dazu bringen, gar nicht erst anzufangen mit diesem Unfug, ist es natürlich noch besser.

Ein Hund, der gar nicht aufhört zu nerven, reagiert auf „aus“ evtl. mit noch mehr Generve, denn daß er nervt hat einen Grund, z.B. Sie übersehen ihn immer, wenn er sich ruhig nähert oder er ist aufgrund Ihrer überzogenen Aktivitäten überdreht. Wenn Sie das ausschließen können, dann sollte ein unfreundliches „es reicht jetzt“ ausreichend sein. In Hundegruppen kann es manchmal zu etwas derben Situationen kommen, bei denen es einfach ein bißchen zu heftig zur Sache geht. Da kann es sinnvoll sein, mit einem lauten Schrei „hey!!“ dazwischen zu funken, damit die Sache nicht eskaliert. Allerdings sollten Sie auch hier überlegen, ob es nicht besser gewesen wäre, die Hunde rechtzeitig anzuleinen.

Wenn Ihr Hund gerne mal an den Zaun startet und nur durch eine scharfes „ab“ dazu zu bringen ist, sich zu entfernen, ist das im Moment sicher eine gute Lösung. Zumindest ist es besser als eine Diskussion mit dem Briefträger wegen zerrissener Hosen. Aber die noch bessere Lösung ist es, wenn Ihre Pelznase gelernt hat, den Briefträger zu melden, sich bei Ihrem Näherkommen auf einen Platz zurückzuziehen, von dem aus er beobachten kann, daß alles in Ordnung ist. Dann hat er nicht nur eine Aufgabe erfüllt, die sinnvoll ist, sondern auch verstanden, was er tun soll.

Sollen Sie Ihren Hund also besser keine Abbruchsignale beibringen? Geht alles auch anders? Nein, so einfach ist es nicht. Es kann sehr sinnvoll sein, wenn Sie die Aktionen Ihres Hundes nachhaltig und sofort unterbrechen können. Aber wenn Sie in erster Linie versuchen, freundliche Lösungen zu finden, vorausschauend zu arbeiten, also ihn gar nicht erst in schwierige Situationen kommen lassen, weil Sie ihn vorher umlenken, anleinen oder klare Vorgaben geben, dann begrenzen Sie die Anzahl der Abbruchsignale auf ein absolutes Minimum und Sie werden erkennen, daß es überhaupt nicht notwendig ist, den Hund Fehler machen zu lassen. Das ist förderlich für Ihre Beziehung und läßt in Ihrer Pelznase das Vertrauen zu Ihnen wachsen, daß Sie sich gut um ihn kümmern.

Und wie baut man ein vernünftiges Abbruchsignal auf? Viele Trainer arbeiten hier über Frustration. Wenn das sauber gemacht wird und der Hund nicht in der Frustration hängen bleibt, ist das in Ordnung. Allerdings möchte ich das hier nicht erklären, lassen Sie sich das bitte zeigen, sonst geht leicht etwas schief. Die andere Variante ist: learning by doing. Das heißt: wenn sich die Situation ergibt, z.B. macht sich Ihr Liebling gerade auf den Weg um die Leberwurst auf dem Tisch zu klauen, dann können Sie ihn mit einem „benimm dich“ mit leicht erhobener Stimme darauf aufmerksam machen, daß Sie das durchaus im Blick haben und nicht wünschen. Sobald er sich von der Leberwurst entfernt, die bitte schön sicher auf dem Tisch liegt und nicht in unmittelbarer Nähe vor seiner Nase, dann loben Sie ihn. Geben Sie ihm dafür aber kein Leckerchen. Sonst treten Sie ein Handlungskette los, die nicht erwünscht ist: ich mache was Verbotenes, werde ermahnt, dann lasse ich das sein und bekomme ein Leckerchen. Ein kurzes, freundliches Lob reicht. Allerdings finde ich es nur begrenzt vertretbar, solche Situationen zu provozieren. Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, Wurst und Käse unbeaufsichtigt herumliegen zu lassen.

Bedenken Sie bei Ihren unterschiedlichen Signalen, daß Sie steigerungsfähig bleiben müssen: sowohl die Lautstärke, als auch die Deutlichkeit der Ansage sollten Sie variieren können. Damit machen Sie Ihrem Freund viel besser klar, wie dramatisch – oder auch nicht – die jeweilige Situation gerade ist.

Alles in allem sollten Sie schon darauf achten, ihn nicht ständig zu reglementieren, auch mal fünf gerade sein zu lassen und nicht überall Gefahren und Fallen zu sehen. Nicht jedes Stück Hundekacke macht ihn krank, nicht jedes Leberwurstbrötchen, das er findet, ist vergiftet, nicht alles, was er tut, ist gefährlich. Entspannter Umgang macht es auch leichter möglich zu entscheiden, wann ein Abbruchsignal angesagt ist und wann nicht.

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