Herzlich willkommen! – Ein Hund kommt ins Haus – 2. Leseprobe

Zombies, Ufos und andere Schreckgespenster – aus Kapitel 3 „Was Sie sonst noch wissen sollten“

Gerade ein junger Hund entdeckt immer mal wieder etwas Neues, und nicht immer ist das Neue so, dass er begeistert ist. Denn die Welt ist voller Gefahren. Ein wichtiger Bestandteil Ihrer Erzieherrolle ist das Erkennen, wann und warum er sich fürchtet. Sie gehen z.B. jeden Tag an einem Grundstück vorbei, bei dem die Mülltonnen direkt hinterm Zaun stehen. Eines Tages sind sie aber schon auf der Straße für die Müllabfuhr. Sie denken
sich gar nichts dabei, denn Sie wissen, was das bedeutet. Ihre Pelznase hat aber den Kalender der Müllabfuhr nicht im Kopf. Für ihn steht da plötzlich ein Monster mitten im Weg, das bislang regungslos hinter dem Zaun stand. Dass jemand anders die Tonne rausgefahren hat und dass die ruhig stehen bleibt, bis sie geleert und wieder an ihren Platz gebracht wird, ist ihm unbekannt.
Alles, was sich verändert, besonders, wenn der Kleine damit überraschend konfrontiert wird, kann aber gefährlich sein. Also bleibt er mit allen Anzeichen der Unruhe und Verunsicherung stehen: Schwanz eingeklemmt, Ohren nach hinten, der Körper abgeduckt mit eindeutigen Fluchttendenzen. Wenn Sie ihn jetzt weiter ziehen oder gar auslachen, nach dem Motto: „hab dich nicht so, ist doch nur eine Mülltonne“ schaffen Sie eine hervorragende Grundlage dafür, dass er Ihnen im weiteren Leben nicht mehr zutraut, mit potentiellen Gefahren fertig zu werden. Ihre Aufgabe ist es ihm zu zeigen, dass die  Mülltonne nicht zum Zombie mutiert ist, sondern heute mal wo anders steht und deshalb nicht gefährlicher ist. Sie gehen also ruhig hin, lassen Sie die Leine ganz locker, legen so nebenbei Ihre Hand an die Tonne und drehen Sie ihr den Rücken zu. Dabei sagen Sie nichts. Wenn Sie als sein großes Vorbild die Tonne für so harmlos halten, dass Sie ihr den
Rücken zukehren können, kann er mal vorsichtig hin schleichen und selber nachsehen. Vielleicht möchte er die Tonne auch aus einiger Entfernung kontrollieren – seine Entscheidung. Beobachten Sie ihn ganz ruhig, sagen Sie nichts und gehen Sie mit ihm weiter, wenn er fertig ist.
Warum sollen Sie ihn nicht großartig loben und belohnen? Weil der Tonne sonst eine Bedeutung beigemessen wird, die ihr einfach nicht zukommt. Wir wollen Mülltonnen hier nicht schlechter machen als sie sind, aber an ihnen ab und zu vorbei zu spazieren ist eine ganz normale Sache, die man nicht weiter erwähnen muss. Wenn Sie ihn jetzt großartig dafür belohnen, dass er die Tonne angesehen hat, kann durchaus passieren, dass er Tonnen zukünftig als uneinschätzbare Gefahrenquellen einstuft, da Sie ja sonst nicht so einen Zirkus machen würden. Wenn Sie glauben, dass ich übertreibe, dann überdenken Sie einmal folgende Geschichte, die ich genauso in meiner Hundeschule erlebt habe. Ein Ehepaar mit einem ca. 3 Jahre alten Rüden machte bei mir Trainingsurlaub, weil sich der Hund vor allem und jedem fürchtete. Sie hatten eine unserer Wohnungen gemietet, die
über eine Außentreppe erreichbar sind und im 1. Stock liegen. Als der Rüde einfach so die Treppe hinaufging, verfiel sein Frauchen in einen wahren Begeisterungstaumel und lobte ihn in den höchsten Tönen. Das hatten sie auf Anraten einer Kollegin immer so gemacht, wenn er etwas neues ausprobieren wollte. Nur verstand dieser Hund das leider vollkommen falsch. Anstatt ihm einfach Zeit zu lassen und als ruhiger Beistand bei ihm zu bleiben, solange er neue Dinge erkundete, wurde er in viele, für ihn undurchschaubare
Situationen gebracht und für jeden Pups gelobt. Daraus schloss er, dass die Welt unglaublich gefährlich sei, da niemand ihm tatsächlich klar machen konnte, was jetzt gefährlich ist und was nicht. Nachdem seine Menschen einsichtig waren und wir ein gutes Training absolviert haben, hat sich das schnell gelegt und heute ist er ein sicherer und souveräner Hund geworden.
Manche Hunde verstehen sehr schnell, dass ihr Mensch ihnen zeigt, wo eine Gefahr lauert und wo nicht. Wenn Sie merken, dass Bello sich sofort nach Ihnen umsieht und zu Ihnen kommt, wenn ihm etwas unheimlich ist: herzlichen Glückwunsch! Sie haben ihm wunderbar klar machen können, dass Sie zuständig sind für Probleme. Behalten Sie das in allen Situationen bei, die für ihn irgendwie schwierig sind, zeigen Sie ihm, dass Sie die
Welt einschätzen können und ihn unbeschadet durch alle vermeintlichen Gefahren durch führen.
Machen Sie sich bitte klar, dass wir in Mitteleuropa in einer sehr friedlichen Welt leben. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie einem Terroranschlag zum Opfer fallen, ist ca. 20.000 (zwanzigtausend) Mal niedriger, als bei einem Autounfall ums Leben zu kommen. Dass Sie bei einem Autounfall Ihr Leben lassen, ist allerdings auch eher unwahrscheinlich. Denn selbst wenn die Medien uns glauben machen, dass hinter der nächsten Ecke die Räuber und Mörder drohen, sollte Ihnen klar sein, dass Sie in einer der friedlichsten Gegenden weltweit leben. Es gibt also keinen Grund wegen Mülltonnen oder ähnlichen Objekten einen Hund in Angst und Schrecken zu versetzen. Haben Sie Verständnis dafür, dass er sich vor Dingen grault, die er – noch – nicht kennt, aber dann führen Sie ihn ruhig und gelassen hin und alles ist gut.
Es gibt Phasen im Leben eines Hundes, in denen dieses Erschrecken vor unbekannten Gegenständen und Situationen zunimmt. Das sind die sog. „spooky periods“ oder Fremdelphasen, die ich bereits erwähnt habe. In diesen Zeiten, die 5 mal im Leben eines Hundes vorkommen und 1-3 Wochen dauern, sind die Hunde ängstlicher und unsicherer. Das erfüllt den Zweck, dass sie sich nicht in jede Situation hinein stürzen, sondern vorsichtiger werden. Dadurch lernen sie dann tatsächlich: was stellt eine Gefahr dar
und was nicht. Und vor allem: wie gehe ich damit um. Erinnern Sie sich? Erziehung heißt: wie geht Leben. Ich zeig‘s dir, damit wir gemeinsam gut durch die Welt kommen, z.B. auch an vorbei Zombies, Ufos und anderen Schreckgespenstern.

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