Nebelspaziergang mit Indiana

Drei Tage Symposium, ein Tag Kollegenkreistreffen, zwei Tage je ca. zehn Stunden im Zug – ich brauch einfach ein bißchen Erholung. Unsere Männer sind zum Einkaufen gefahren und Indiana und ich beschließen, eine ausgedehnte Runde durch den Nebel zu machen. Meine Prinzessin und ich haben nämlich eine wichtige Gemeinsamkeit – wir haben mehrere, aber die ist schon besonders: wir mögen die Hitze nicht so, außer an der Badestelle, und wir lieben Nebel und kühles Novemberwetter. Über dem ganzen Land liegt dieser wunderbare, weiche Nebel, der alles in Watte hüllt, die Landschaft, das Dorf und die Geräusche.

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Vor dem Hundeplatztor bleibe ich erstmal stehen und schaue Indiana hinterher, die voller Begeisterung sofort in das Gestrüpp bei den Nachbarn stürmt – vielleicht sitzt da ja irgendwo dieser rotzfreche, rote Kater. Zum Glück nicht. Dann pest sie raus auf die Wiese, ich pfeife und mein Mädchen kommt sofort zurück. Wie schön! Jetzt kommt zu diesem wunderbaren Tag auch noch das Glück, daß ich sie zumindest an einigen Stellen frei laufen lassen kann.

Es ist eine reine Freude, ihr beim Rennen über die Wiese zuzusehen. Große Kreise zieht sie um mich, kommt immer wieder her, rennt weg, mit diesem großen Lachen und dieser überschäumenden Freude von der Nasen- bis zur Schwanzspitze. Freilauf! Das hat mein Mäuschen viel zu selten, weil sie die Freunde des Waldes einfach zum Fressen gern hat. Aber heute höre ich jedes Knacken, jedes Rascheln, die Wiese ist leer und die begehrte Beute ist gut versteckt. Langsam gehe ich hinterher und genieße die Stille und die wunderbare Stimmung. Am Bruch kommt Indiana zu mir, ich lobe sie sehr und leine sie an. Wir beschließen, heute nur das zu „trainieren“ was sich überhaupt nicht vermeiden läßt, also am besten gar nichts, und unseren Lieblingsweg zu gehen.

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Auch am Bruch ist heute mit Wild nicht viel los, nicht mal auf der Wiese Richtung Netzower Weg oder oben am Weg zeigt sie mir interessante Stellen. Das ist fein, denn das bedeutet, daß auch im Wald nicht besonders viel los ist. Ihre Freude ist groß, als wir an der entscheidenden Stelle in den Wald einbiegen und zu dem großen Feld hinüberlaufen. Ganz hingerissen versucht sie, mich für den einen oder anderen Abstecher in den Wald herumzukriegen. Ich erinnere sie an unserer Abmachung und sie versucht eisern, sich daran zu halten. Das ist nicht einfach für eine junge, jagdbegeisterte Hündin und deshalb gibt es auch einige Leckerchen für besondere Zurückhaltung.

Am Feld angekommen bleiben wir erstmal stehen. Die Luft ist ganz ruhig, nichts bewegt sich, ab und zu hören wir eine Krähe, ansonsten – Stille. Wir laufen ganz am Rand in Richtung einer unserer Lieblingswiesen, nämlich zu unserem Lieblingshügel. Da kommt man nicht einfach so hin, da muß man schon wissen, wo der ist. Deshalb treffen wir da nie jemanden und das finden wir gut. Auf der Wiese vergißt Indiana vollkommen, daß da auch oft Hirsche und Rehe sind, weil nämlich zahlreiche Rehköttel rumliegen, die sie sehr liebt. Ich schau halt weg.

Wir müssen einen regelrechten Anstieg bewerkstelligen, gar nicht so einfach bei dem nassen, schweren Boden. Ganz allmählich verlieren sich meine Gedanken und schweifen ab. Ich denke über viele Dinge nach, die mich zur Zeit beschäftigen, das Seminar am Sonntag, eine Buchbesprechung, die Korrekturen für mein nächstes Buch…. da fällt mir auf, daß Indiana sich immer wieder nach mir umdreht und mich anschaut. Ohoh, schlechtes Gewissen meldet sich. Sie ist immer mit einem Teil ihres Wesens bei mir und ich? Ich entschuldige mich und verspreche Besserung. Zufrieden gehen wir weiter.

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Unser Lieblingshügel ist ein Hügel auf vielen Hügeln. Ganz sanft schwingen sich die Wiesen unterbrochen von einem Bruch und mehreren Haagbepflanzungen in weichen Wellen immer höher und ganz oben ist ein Hügelchen, das eigentlich aus vier Bäumen, einem toten Baumstumpf, einem Ansitz und vielen Steinen und Felsbrocken besteht. Vermutlich wurden hier die Steine abgelagert, die beim Pflügen und Bearbeiten des Feldes auftauchten und störten und daraus wurde dann dieser wunderschöne Platz. Eine Eiche, zwei Birken und eine Kiefer beschatten ihn im Sommer, jetzt stehen die Laubbäume kahl da. Wir können weit ins Land sehen, heute natürlich nicht, aber an sonnigen Tagen verliert sich der Blick über Wiesen und Wälder.

Ist es hier noch stiller? Irgendwie schon. Es ist ein verwunschener Platz und manchmal wünsche ich mir, wir hätten den selben Glauben an Elfen und Trolle wie die Isländer, dann wäre das sicher ein geschützter Ort, an dem Elfen leben. Indiana muß alles genau erkunden, weil wir schon lange nicht mehr hier waren. Also gehen wir um den Ansitz gemeinsam immer wieder rund herum, sie schnüffelt und buddelt ein bißchen, ich genieße den Rundblick und stelle mir vor, daß uns die Elfen zusehen und sich amüsieren, weil wir sie nicht sehen. Also ich sehe sie nicht, Indiana vielleicht schon.

Irgendwann wollen wir weitergehen. Ich schlage ihr vor, daß sie die Richtung aussuchen soll. Und – große Überraschung – sie sucht sich den gleichen Weg wie die Hirsche und Rehe. Das ist ein bißchen doof, weil sie vor lauter Aufregung zieht, aber es ist auch gut, weil wir einen sehr breiten Wildwechsel zum Weg finden und nicht durchs Gestrüpp müssen. Auf dem wunderschönen Weg mit den vielen bunten, einplanierten Steinen ist sie sehr aufgeregt, hier waren wir schon lange nicht mehr und es gäbe so viele interessante Abzweigungen….. Aber sie hält sich an unsere Abmachung und kommt ohne große Anstrengungen meinerseits mit.

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Der Weg zurück geht eine ganze Weile über den Bahndamm, der zum Fahradweg ausgebaut wurde. Asphaltierte Wege gibt es bei uns nicht viel, deshalb ist das nicht schlimm. Im Gegenteil hat dieser Weg seinen eigenen Reiz. Man kann sehr weit nach vorne und hinten sehen und er führt durch einen wunderschönen Wald mit vielen schönen Abwechslungen: Wege hinaus aufs Feld, ein Erlenbruch, ein Graben, Kuschelkiefern, in denen vielleicht Wildschweine den Tag verschlafen…. Ich stelle mir vor, wie schön es war, hier mit einem gemütlichen Bummelbähnchen zu fahren und aus dem Fenster zu sehen. Es ist total spannend, Indiana zu beobachten. Auf dem Weg liegen braune und gelbe Blätter, Bucheckern und dann sind da noch irgendwelche grauen oder gelben Flecken, die für mich genauso aussehen wie alles andere, was hier rumliegt. Aber sie schnüffelt voller Begeisterung dran rum, schleckt, schnüffelt – keine Ahnung, was hier so toll ist, aber sie findet die Flecken super. An einigen Stellen sind regelrechte Wildautobahnen links und rechts und sie fragt mal an, ob ich nicht doch…. nein, immer noch nicht. Schade. Dann gehen wir eben weiter.

Beim Märchenland kommen wir wieder auf die Wiese und die Leine kann wieder abgemacht werden. Wie der Blitz rennt sie los – Himmel! Ist das schön, einfach so zu rennen. Ich juble mit ihr, freue mich über  ihre Begeisterung, sie kommt schnell her, rennt wieder weg, zieht ihre Kreise. Dann kommt sie wieder und läuft bei mir, mal schaut sie rechts und links nach den beliebten Rehkötteln. Ute, schau einfach nicht hin! Seufz.

Mir fällt auf, daß ich ihr sehr oft Leckerchen gebe, warum eigentlich? Natürlich weil sie einfach lieb und brav ist und sich so sehr anstrengt, unsere Abmachung einzuhalten. Aber eigentlich belohne ich mich selber, weil es so schön ist, ihr weiches, liebes Mäulchen an meiner Hand zu spüren. Sie nimmt die Leckerchen ganz vorsichtig und sanft, hin und wieder knabbert sie zärtlich an meinen Fingern, wie eine sanfte Liebkosung fühlt sich das an. Ein wunderbarer Grund, ihr immer wieder was ins Mäulchen zu schieben.

An unserem Bruch ist jetzt wesentlich mehr los als vorhin und Indiana läuft wieder an der Leine. Ganz aufgeregt zeigt sie mir, wer aller da war. Zu ihrem Pech interessiert es mich nicht wirklich. Ich glaube, in solchen Momenten bedauert sie, daß der Maxl nicht da ist, der würde sie verstehen, aber Menschen sind da einfach sehr beschränkt.

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Im Dorf gehen die ersten Lichter an, obwohl es noch nicht mal vier Uhr ist, um halb fünf ist es im November schon fast dunkel und bei dem Nebel wirds noch früher finster. Es ist so schön, mit ihr langsam über die Wiese in Richtung Forsthaus zu laufen, unsere Nachbarn haben schon angeheizt und der Rauch steigt langsam aus den Schornsteinen. Wir freuen uns auf unseren warmen Kaminofen und das warme Wohnzimmer. Ich lasse sie lieber nicht mehr von der Leine, weil sie sehr, sehr aufgeregt ist. Anscheinend war der verrückte Rehbock schon heraußen, der zur Zeit in unserer Nachbarschaft wohnt. Und am Hintereingang war auch jemand! Oho, die hat Glück, sagt Indiana, daß sie jetzt erst heimkommt. Der rotzfreche, rote Kater? Eher nicht. Schon eher die läufige Hündin, die sich seit ein paar Tagen hier rumtreibt.

Unsere Männer sind noch nicht zurück. Wir gehen ins Haus, machen die Lichter an, putzen unsere Schuhe ab, respektive die Hundefüßchen und genehmigen uns erstmal ein Päuschen am warmen Ofen. Die Prinzessin hat eigentlich Hunger, aber ein bißchen muß sie noch warten, bis der Maxl da ist.

Das war ein schöner Spaziergang, den wir ganz bald wiederholen müssen.

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