{"id":1476,"date":"2017-01-15T13:46:32","date_gmt":"2017-01-15T12:46:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.forsthaus-metzelthin.de\/?p=1476"},"modified":"2017-01-15T18:34:05","modified_gmt":"2017-01-15T17:34:05","slug":"wissenschaft-fuer-gewalt-im-hundetraining","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.forsthaus-metzelthin.de\/?p=1476","title":{"rendered":"Wissenschaft f\u00fcr Gewalt im Hundetraining?"},"content":{"rendered":"<p>In einem meiner letzten Blogartikel ging es um eine kurze Korrespondenz mit einem Vertreter &#8222;stringenterer Methoden&#8220; in der Hundeerziehung, in der meine Auseinandersetzung mit der Sch\u00fcsselszene von Michael Grewe kritisiert wurde. Dieser Herr hat in seiner Mail etwas geschrieben, das mich nicht in Ruhe l\u00e4\u00dft. So gut wie alle Hundetrainer berufen sich auf wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse, die ihr Training untermauern sollen &#8211; auch die Bef\u00fcrworter und Anwender von Gewalt und Folter wie Leinenruck, Strom oder eben Sch\u00fcsseln, die Hunden um die Ohren gehauen werden, um sie durch sog. Interventionstraining von unerw\u00fcnschtem Verhalten nachhaltig abzuhalten.<\/p>\n<p>Hier nochmal ein Zitat aus dem Text:<\/p>\n<p>&#8222;&#8230;. Aus lernpsychologischer Sicht, und so wird es auch an den tier\u00e4rztlichen Hochschulen gelehrt, muss eine Intervention auf ein unerw\u00fcnschtes Verhalten innerhalb von zwei Sekunden erfolgen, um ein Lernziel zu erreichen. Bei einem Angstbei\u00dfer\u00a0 ist die ohnehin kurze Zeit noch k\u00fcrzer, und der Hund darf nie den Hundef\u00fchrer selbst als Disziplinierenden wahrnehmen, wenn das Verh\u00e4ltnis nicht unrettbar zerst\u00f6rt werden soll. Also darf der Besitzer nicht selbst zu solchen Ma\u00dfnahmen greifen, daf\u00fcr gibt es den Hundetrainer, es muss eine einmalige Aktion bleiben, und was v\u00f6llig \u00fcbersehen wurde ist, der Hund hatte einen Maulkorb auf, der den Schlag d\u00e4mpfte &#8211; die Wirkung aber nicht! Sicher wird dieser Trainer kein Freund des Hundes sein, aber f\u00fcr das Leben des Hundes, der ja eingeschl\u00e4fert werden sollte, und die\u00a0 Besitzerin war diese Ma\u00dfnahme heilsam&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Wenn diese Art von Lernpsychologie an Tier\u00e4rztlichen Hochschulen gelehrt wird, dann wundert mich nichts mehr. Dann ist eigentlich klar, warum Tier\u00e4rzte nach wie vor Alphawurf und Schnauzengriff empfehlen und h\u00f6chst merkw\u00fcrdige Vorstellung von der Seele eines Hundes haben. Das sollte mich als mittlerweile doch recht gut etablierte Trainerin nicht erschrecken, da die Kunden mir in so gut wie allen F\u00e4llen mehr glauben als den Tier\u00e4rzten, vor allem, weil meine Argumente und meine Arbeit \u00fcberzeugend sind.<\/p>\n<p>Das Problem, das ich hier habe, ist: das geht als Wissenschaft durch. Manch einer mag den folgenden Vergleich \u00fcberzogen finden, aber ich finde, er passt. W\u00e4hrend der zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Herrschaft des Nationalsozialismus fanden zahlreiche Versuche an Menschen statt, an Kindern, Behinderten, Schwachen, Kranken und rassisch &#8222;Minderwertigen&#8220;. Da wurden Sachen veranstaltet, da kommt einem das kalte Grausen. Ich wei\u00df nicht, ob das eine typisch deutsche Eigenschaft ist, aber \u00fcber diese Versuche und die in meisten F\u00e4llen folgenden Ermordungen wurde von \u00c4rzten und &#8222;Pflege&#8220;personal gewissenhaft Buch gef\u00fchrt und alles auch genauestens ausgewertet. F\u00fcr diese Leute war das, was sie betrieben, &#8222;Wissenschaft&#8220;.<\/p>\n<p>Wo ist die Parallele?<\/p>\n<p>Jemand, der gewaltt\u00e4tige Methoden an Hunden untersucht und lehrt, und dabei denkt, er w\u00fcrde tats\u00e4chlich lernpsycholgische Erkenntnisse nutzen, wei\u00df einfach nicht wovon er spricht oder er hat von Erziehung komplett andere Vorstellung wie ich. Erziehung bedeutet f\u00fcr mich, einem mir anvertrautem Lebewesen zu zeigen, wie die Welt um uns herum so l\u00e4uft und wie wir gut darin klar kommen. Ich bin sein Vorbild, d.h. auch und gerade in konfliktr\u00e4chtigen Situationen &#8211; f\u00fcr meinen Hund &#8211; bin ich es, die ihm zeigen mu\u00df (!), wie wir uns verhalten, um stressfrei da raus zu kommen. Dazu brauche ich einen entspannten Hund, der zu mir Vertrauen hat, der nachdenkt ehe er handelt und der genug Selbstvertrauen und Selbstbewu\u00dftsein mitbringt, um auch etwas schwierigere Momente ruhig und gelassen angehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Interessanterweise stimmt das optimal damit zusammen, wie Lernen bei Hunden und nicht nur bei ihnen &#8211; wissenschaftlich bewiesen &#8211; funktioniert. Ein Hund &#8211; oder auch ein Mensch, eine Katze, ein Pferd &#8211; lernt am leichtesten, in einer entspannten, sicheren Umgebung, wenn ihm die Aufgabe ruhig und einfach erkl\u00e4rt wird und mit einem Erfolg endet. Winkt dazu noch eine begehrte Belohnung, wird es noch besser und leichter.<\/p>\n<p>Und jetzt zu dem Angsthund, dem man sofort und unverz\u00fcglich etwas um die Ohren hauen mu\u00df. Immerhin ist schon mal klar, da\u00df es ganz schlecht ist &#8211; auch wissenschaftlich bewiesen? -, wenn das der Hundehalter selber macht. Denn was verliert der Hund dann? Aha &#8211; sein Vertrauen. Aber wie sieht es mit dem Vertrauen aus, wenn wie in der Sch\u00fcsselszene die Halterin daneben steht und ganz locker zusieht? Baut man hier Vertrauen auf oder demoliert man es nicht eher? Dann ist die Frage: kann ich Angst durch eine angstmachende Behandlung wegtrainieren? In der Humanpsychologie werden solche Methoden durchaus angewenden. Aber! Vorab besprechen Therapeut und Patient wie das abl\u00e4uft, der Patient gibt seine Einwilligung, er wei\u00df, worauf er sich einl\u00e4\u00dft und (!) es wird ein Codewort vereinbart, mit dem er sofort aus der Situation rauskommt. Der Therapeut mu\u00df unverz\u00fcglich abbrechen, wenn der Patient das m\u00f6chte, sonst macht er sich strafbar.<\/p>\n<p>Wenn jetzt ein Hund mit allem, was er hat, zeigt, da\u00df es ihm zuviel wird, ist er doch in der gleichen Situation wie unser Patient. Richtig? Und warum, wenn schon diese ganzen Methoden und Erkenntnisse in Tierversuchen erforscht wurden, werden sie nicht auf Hunde angewendet? N\u00e4mlich: da\u00df Reiz\u00fcberflutung z.B. mit einer angsteinfl\u00f6ssenden Situatione kontraproduktiv ist. N\u00e4mlich: da\u00df Lernen am besten in entspannter Umgebung stattfindet und dann auch erfolgreich ist&#8230;&#8230; Aber warum soll ich das alles wiederholen, ist doch alles bekannt.<\/p>\n<p>Nein, es geht um etwas ganz anderes. Egal wie der Trainer oder die Trainerin hei\u00dfen: Leute, die solche Methoden anwenden, und Hundehalter, die solches Training gut finden, wollen keinen Hund, der mit einem soliden Selbstvertrauen ausgestattet ist. Sie wollen eine vierbeinige, bepelzte Marionette, deren Seelenleben und Gem\u00fctszustand ihnen einfach egal sind &#8211; sie haben keins zu haben. Sie haben zu funktionieren.<\/p>\n<p>Wissenschaftler, die so etwas erforschen und in die Welt setzen als wertvolle, praxisnahe Erkenntnisse, sollte man nicht wirklich beachten. Denn leider ist es uns nicht m\u00f6glich ihre sofortige Entlassung bei den entsprechenden Instituten zu veranlassen. Wir sollten n\u00e4mlich eins nicht vergessen. Diese Institute f\u00fchren entsprechende Erkenntnisse als Auftragsarbeiten durch oder als Doktorarbeit. Beispiel gef\u00e4llig?<\/p>\n<p>&#8222;Vergleich der Stressauswirkungen anhand von Speichelcortisonwerten und der Lerneffekte von drei Ausbildungsmethoden bei Polizeihunden&#8220; 2009, Inka B\u00f6hm Tier\u00e4rztliche Hochschule Hannover. Hier wird untersucht, was besser klappt: Stromreizger\u00e4t, Leinenruck oder aufkonditioniertes Abbruchsignal. Wer Lust hat, kann sich das hier gerne zu Gem\u00fcte f\u00fchren: <a href=\"http:\/\/blog.forsthaus-metzelthin.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/boehmi_ss09.pdf\">boehmi_ss09<\/a><\/p>\n<p>Man sollte also die Aussage &#8222;wissenschaftlich bewiesen&#8220; genau anschauen. Wer hat was wann warum bewiesen und wem n\u00fctzt&#8217;s? Den Hunden oder fragw\u00fcrdigen Ausbildern und r\u00fccksichtslosen Hundehalter? Und ins Bockshorn jagen sollte man sich von solchen Typen, auch wenn ein &#8222;Dr.&#8220; vor dem Namen steht, schon gleich gar nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem meiner letzten Blogartikel ging es um eine kurze Korrespondenz mit einem Vertreter &#8222;stringenterer Methoden&#8220; in der Hundeerziehung, in der meine Auseinandersetzung mit der Sch\u00fcsselszene von Michael Grewe kritisiert wurde. 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