{"id":1372,"date":"2022-08-04T17:52:59","date_gmt":"2022-08-04T15:52:59","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.forsthaus-metzelthin.de\/?p=1372"},"modified":"2022-08-04T17:53:01","modified_gmt":"2022-08-04T15:53:01","slug":"sensible-zeiten-im-leben-eines-hundes-die-fremdelphasen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.forsthaus-metzelthin.de\/?p=1372","title":{"rendered":"Sensible Zeiten im Leben eines Hundes &#8211; die Fremdelphasen"},"content":{"rendered":"\n<p>Eltern kennen das: das Baby, das sich \u00fcber jeden gefreut hat, der in seinen Kinderwagen reinschaut, bekommt von jetzt auf gleich hysterische Kreischanf\u00e4lle, wenn die Oma kommt, die das letzte Mal vor zwei Wochen da war. Im Leben aller Kinder gibt es diese Phase, sie hei\u00dft Fremdelphase. Bei Kindern geht man davon aus, dass es nur eine dieser Phasen gibt, n\u00e4mlich im Alter von 6 bis 8 Monaten. Ich vermute allerdings, dass es bei Kindern mehr davon gibt &#8211; genau wie bei Hunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Hunden k\u00f6nnen wir von mindestens 4, eher 5 Fremdelphasen ausgehen und jeder Hundebesitzer wurde schon mal damit konfrontiert, hat sich gewundert, was mit seiner Pelznase los ist und sofort wieder vergessen, als es vorbei war. Leider. Und leider wissen nach wie vor viel zu wenige Menschen, die mit Hunden zu tun haben, was es damit auf sich hat: TrainerInnen, Z\u00fcchterInnen, Tiersch\u00fctzerInnen und nat\u00fcrlich HundehalterInnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Fremdelphase ist zuverl\u00e4ssig zwischen der 9. und 10. Woche, sie dauert ca. eine Woche.<br>Die zweite Fremdelphase beginnt ungef\u00e4hr mit 4,5 Monaten und dauert zwei bis drei Wochen.<br>Die dritte Fremdelphase beginnt ungef\u00e4hr mit 9 Monaten und dauert ebenfalls zwei bis drei Wochen. Da sie oft zusammenf\u00e4llt mit dem Beginn der Pubert\u00e4t, wird sie in der Regel \u00fcbersehen oder falsch eingeordnet.<br>Die vierte Fremdelphase beginnt etwa mit 1,5 Jahren und dauert ebenfalls zwei bis drei Wochen.<br>Die f\u00fcnfte und letzte Fremdelphase beginnt ca. mit 2 &#8211; 2,5 Jahren und dauert auch zwei bis drei Wochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wann die 2.-5. Fremdelphasen auftreten, ist individuell und rassetypisch unterschiedlich, ebenso die Dauer. Die angegeben Zahlen sind also nur Richtwerte. <\/p>\n\n\n\n<p>Was hat es damit auf sich und wie sollten die betroffenen HundehalterInnen damit umgehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Welpen kennen bis zu Beginn der ersten Fremdelphase keine Furcht vor gar nix. Sie gehen neugierig auf alles zu, interessieren sich f\u00fcr alles und finden alles prima. Wenn sie das im Leben beibehalten w\u00fcrden, w\u00fcrden sie nicht besonders lange leben, da sie nicht lernen w\u00fcrden, Situationen richtig einzusch\u00e4tzen, also auch mal festzustellen, dass man sich hier und jetzt vom Acker macht, oder sich besser vorsichtig ann\u00e4hert. Das ist lebensverl\u00e4ngernd. Man k\u00f6nnte es also auf den kurzen Nenner bringen:<br>In den Fremdelphasen, ganz besonders in den beiden ersten, lernt der kleine Hund potentielle Gefahren vorsichtig abzukl\u00e4ren, denn es ist besser eine Mahlzeit zu vers\u00e4umen als eine zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn so ein kleines Hundekind in der ersten Fremdelphase noch bei seiner Mutter ist, kann in der Regel nicht viel schief gehen. Die Mutter wei\u00df automatisch, was zu tun ist: sie gibt ihrem Kindern R\u00fcckhalt und Sicherheit, besch\u00fctzt sie vor Ungemach und ist einfach da. Das reicht. Leider ist das zumindest bei Rassehunden, aber auch bei anderen Hunden von &#8222;Z\u00fcchtern&#8220; oder Vermehrern&#8220; nicht mehr die Regel. Die Welpen werden mit den abenteuerlichsten Argumenten abgegeben. Hier nur ein Beispiel, das ich besonders absurd finde: dann entwickelt sich eine bessere Bindung. Ach so, naja. Dann haben meine beiden Hunden, die ich im Alter von 6 Monaten, bzw. 2,5 Jahren \u00fcbernommen habe, also mit Sicherheit eine grottenschlechte Bindung. Wer&#8217;s glaubt, wird selig, wer&#8217;s nicht glaubt, kommt auch in den Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Was machen Menschen, wenn ein Welpi bei ihnen einzieht? Oft genug wird der kleine Hund von der ersten Minute an gnadenlos \u00fcberfordert. Allein der Verlust der Familie ist ein starkes Trauma f\u00fcr ihn. Dazu kommt vielleicht noch eine stundenlange Fahrt im Auto, die Ankunft im neuen Zuhause, ungewohntes Futter, neue Menschen, neue Ger\u00fcche, neue Ger\u00e4usche&#8230;&#8230; und als ob das nicht reichen w\u00fcrde, tanzen sp\u00e4testens am n\u00e4chsten Tag die Nachbarn und besten FreundInnen an, um ihren Senf dazuzugeben und den kleinen Kerl zu begutachten. Dazu wird er dann herumgereicht, zwangsbekuschelt, es wird getestet, ob er auch schon &#8222;sch\u00f6n sitz!&#8220; machen kann &#8211; lauter \u00fcberfl\u00fcssiger Unsinn. Denn was dieser Hund jetzt braucht, ist Ruhe, Ruhe, Ruhe und viel Geduld und Verst\u00e4ndnis von seiten seiner neuen Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit man auch ja nichts vers\u00e4umt, wurde schon vorab in der Hundeschule ein Termin vereinbart. Wenn die KollegInnen Ahnung haben, was zwar Gott sei Dank immer h\u00e4ufiger der Fall, aber leider nicht die Regel ist, machen sie diesen Termin erst wenn der kleine Hund 10 Wochen alt ist. Nur besteht dann oft die Gefahr, dass man in eine Hundeschule geht, die keine Ahnung hat und den Hund schon am n\u00e4chsten Tag sehen will. Also lasse auch ich mich oft genug auf einen Termin ein, von dem ich wei\u00df, dass er f\u00fcr den kleinen Hund nichts bringt, aber vielleicht kann ich das Schlimmste verhindern. Nicht so einfach, das alles. <\/p>\n\n\n\n<p>Erste Fremdelphase: der kleine Hund hat unglaublich viel erlebt und gelernt in den letzten 9 Wochen und das soll jetzt verarbeitet werden und sacken. Da soll nichts Neues drauf gepackt werden und schon gar nicht was Aufregendes, das der Hund jetzt nicht mal ansatzweise verarbeiten kann. Und das genau ist ein wichtiger Grund, warum man nie, nie, nie einen Welpen wo auch immer holen soll, der schon mit 8 Wochen abgegeben wird &#8211; ausser dem Hund droht Lebensgefahr. Und wie oft kommt das vor, bitte?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die erste Fremdelphase gut l\u00e4uft, also auch die Menschen, die den Hund leider zu fr\u00fch bekommen haben, verstehen, dass er Ruhe und Sicherheit braucht, viel Geduld haben und ihn nicht \u00fcberfordern, oder er war tats\u00e4chlich mindestens zehn Wochen &#8211; gerne zwei oder drei mehr &#8211; bei seiner Mama, dann wird die zweite Fremdelphase nicht mehr so dramatisch. Jetzt kommen z.B. Sachen vor wie: beim morgendlichen Gassi ist  &#8211; wie jeden zweiten Donnerstag &#8211; M\u00fcllabfuhr und die Tonnen stehen auf der Stra\u00dfe.  Bis jetzt war das kein Thema &#8211; heute schon. Der Zwerg bleibt wie angewurzelt stehen und starrt die Tonne an wie einen Zombie. Das d\u00fcmmste, was man jetzt tun kann ist: den Hund einfach weiterzerren. Das zweitd\u00fcmmste: den Hund auslachen. Eine nahezu ideale Form von Dummheit ist die Kombination von beidem. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ein Hund offenbar erschrocken stehenbleibt und irgendwo hinschaut, bleibt man einfach auch stehen und stellt fest, was ihm denn in irgendeiner Form Angst macht: aha, die M\u00fclltonne. Dann geht man ruhig hin, stellt sich mit dem R\u00fccken zur Tonne und wartet. Bis der kleine Hund entweder die Tonne inspiziert oder lieber in einem gro\u00dfen Bogen vorbeigeht. Dazu braucht man nat\u00fcrlich eine gen\u00fcgend lange Leine am Hund, damit er keinen Unfug macht und auf die Stra\u00dfe rennt. Wenn&#8217;s gar nicht anders geht und er einfach nicht vorbei m\u00f6chte, dreht man eben um. Da bricht einem kein Zacken aus der Krone. Ich habe ihm gezeigt, dass ich mich vor der M\u00fclltonne nicht f\u00fcrchte, denn wenn ich mich mit dem R\u00fccken davor stelle, gehe ich davon aus, dass dieses Teil friedlich ist. Wenn er dem Frieden nicht traut, dann weichen wir eben aus oder gehen zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>Sowas nennt man &#8222;vertrauensbildende Ma\u00dfnahme&#8220;. Denn ein Hund, dessen \u00c4ngste und N\u00f6te wahr- und ernstgenommen werden, der kann viel leichter Vertrauen zu seinem Menschen haben, als ein Hund, dessen Mensch so etwas gar nicht sieht, sich dar\u00fcber lustig macht und den Hund zu etwas zwingt, was er definitiv nicht m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider gibt es viele Hunde aus dem Auslandstierschutz, die genau in diesem Alter zu uns kommen. Das werden wir nicht \u00e4ndern k\u00f6nnen, da hier einfach versucht wird, den Hunden so schnell wie m\u00f6glich ein gutes Zuhause zu besorgen. Allein schon der Transport ist aber extrem traumatisierend f\u00fcr die Hunde, da sie h\u00e4ufig mit vielen anderen Hunden eingezw\u00e4ngt in enge Boxen \u00fcber viele Stunden, teilweise Tage im Transporter sitzen. Da wird gekackt, gepieselt, gekotzt, geheult&#8230;.. das m\u00f6chte niemand von uns erleben. Aber auch wenn das nicht so ist, dann ist der Wechsel in eine v\u00f6llig neue Umgebung mit v\u00f6llig neuen Sinneseindr\u00fccken verbunden mit einer langen Fahrt mit wom\u00f6glich fremden Menschen auch nicht gerade lustig.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re also wirklich sch\u00f6n, wenn Tierschutzorgas sich mit der Thematik befassen k\u00f6nnten &#8211; neben allem anderen, das sie leisten m\u00fcssen &#8211; und die neuen BesitzerInnen aufkl\u00e4ren w\u00fcrden, dass dieser Hund jetzt besonders viel Ruhe, Verst\u00e4ndnis und Geduld braucht, weil zu allem anderen eben die 2. Fremdelphase dazu kommt. Ich wei\u00df, dass das viel verlangt ist. Aber die Hoffnung stirbt bekannterma\u00dfen zuletzt. Dadurch, dass die meisten Orgas mittlerweile sowieso schon sehr viel gute Tipps mit auf den Weg geben, kann viel aufgefangen werden. Aber je besser die neuen Menschen \u00fcber den seelischen Zustand ihres kleinen, neuen Freundes wissen, um so besser ist es f\u00fcr alle Beteiligten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die 3. Fremdelphase f\u00e4llt h\u00e4ufig mit dem Beginn der Pubert\u00e4t zusammen. Deshalb ist es nicht immer einfach, auseinander zu halten, was was bewirkt und ausl\u00f6st. Aber das ist auch nicht wichtig. Auch Pubertiere brauchen vor allem viel Geduld und Verst\u00e4ndnis. Verst\u00e4rkend kommt auch hier dazu, dass bislang gewohnte und normale Dinge wie das Befolgen der Alltagssignale in vielen Situationen noch schwerer fallen, weil sich der Hund unbedingt mit einer Situation auseinander setzen muss, die ihm dubios erscheint. Das hat nichts mit der Eroberung der Weltherrschaft, schlechter Bindung und Missachtung seines Menschen zu tun, der kann halt grad nicht anders, weil seine Hormone in Aufruhr sind und weil er sehr verunsichert ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Zeit, also w\u00e4hrend der Pubert\u00e4t ganz besonders in Kombination mit der 3. Fremdelphase, haben die Hunde ein Schild umh\u00e4ngen, das steht in Gro\u00dfbuchstaben drauf:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8222;WEGEN UMBAU GESCHLOSSEN!!!!!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht mal nebenbei: bei menschlichen Pubertieren ist das nicht anders, auch bei uns, den weisen und abgekl\u00e4rten Erwachsenen war das mal so. Und das Verst\u00e4ndnis, das wir damals gerne gehabt h\u00e4tten und vielleicht auch bekommen haben, dass k\u00f6nnen wir doch gerne auch unseren Hunden geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die letzten beiden Fremdelphasen fallen meistens gar nicht mehr so auf. Sie zeigen sich ebenfalls durch pl\u00f6tzlich auftretende Unsicherheit in Situationen, die der Hund eigentlich schon gut gemeistert hat. Manchmal kann passieren, dass die Hunde gestresster sind und deshalb mehr an der Leine ziehen oder schlechter abrufbar sind. Aber wenn man in den vorherigen Fremdelphasen und vor allem in der dritten (Kombination mit der Pubert\u00e4t!!!) ruhig und geduldig geblieben ist, dann sollte das eigentlich nicht allzu dramatisch werden. Vor allem wei\u00df der Hund dann eben, an wen er sich wenden kann, wenn er sich \u00fcberfordert f\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt gleich mehrere gute Nachrichten: <br>Es geht viel, viel schneller als mit Kinder und Jugendlichen. Wer &#8222;Fremdelphasen bei Kindern&#8220; goggelt, erf\u00e4hrt, dass bei manchen Kindern diese Phase bis in die Schulzeit hineinreichen kann. Da k\u00f6nnen wir mit den Hunden wahrlich nicht meckern. Die einzelnen Phasen dauern maximal drei Wochen und dazwischen haben wir viel Zeit zur Erholung. Und dann sind das wunderbare Gelegenheiten, seinem Hund klar zu machen, dass man seine Bed\u00fcrfnisse sieht und erkennt und auch auf seine Befindlichkeiten eingeht. Gemeinsam finden wir eine L\u00f6sung, die f\u00fcr uns gut ist. Wenn das nicht eine wunderbare Grundlage f\u00fcr eine vertrauensvolle Beziehung ist!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eltern kennen das: das Baby, das sich \u00fcber jeden gefreut hat, der in seinen Kinderwagen reinschaut, bekommt von jetzt auf gleich hysterische Kreischanf\u00e4lle, wenn die Oma kommt, die das letzte Mal vor zwei Wochen da war. 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