Auf und davon – Wie der Jagdtrieb des Hundes kontrollierbar wird

von Ute Rott, Forsthaus Metzelthin

 

Alle Hunde jagen, die einen mehr, die anderen weniger. Wenn sie das nicht tun würden, könnten wir sie nicht zum Ballspielen, zum Zerren an Stricken oder zum Suchen von Spielsachen animieren. Weil aber schon manch ein Hund mit seiner wilden Jagdleidenschaft seinen Menschen fast zum Verzweifeln gebracht hat, suchen viele Hundebesitzer nach Lösungen, wie sie den Jagdtrieb eindämmen und kontrollierbar machen können. Und so hat sich in den letzten Jahren eine Flut von Antijagd-Büchern über die Hundeszene ergossen. Eines davon ist das Buch von Martina Nau: Auf und davon – Wie der Jagdtrieb des Hundes kontrollierbar wird.

Die Autorin beginnt mit einer Erklärung: Jagen: Was ist das eigentlich? Hier erläutert sie, daß Jagen für Hunde etwas Normales und das Problem allein auf der menschlichen Seite zu suchen ist. So weit, so gut, aber bereits bei der Erklärung des Begriffes „Jagdtrieb“ wird es etwas kompliziert. Nach Martina Nau ist ein Trieb eine „unbewußte, biologisch zweckmäßige Handlung“. Wie sie auf diese Definition kommt, bleibt ihr Geheimnis, Tatsache ist, daß ich noch nie den Eindruck hatte, daß Hunde „unbewußt“ hinter Rehen, Hasen oder Vögeln herhetzen, ganz im Gegenteil. Die meisten jagdfreudigen Hunde suchen sehr bewußt nach jagdbaren Objekten. Sie unterteilt weiter den Jagdtrieb in „Beute-, Bring-, Spür-, Stöber-, Bewegungs- und Betätigungstrieb“. Nimmt man jetzt die Definition der unbewußten Handlung ernst, dann sind alle Handlungen, die hinter diesen Trieben angeblich stecken, unbewußte Handlungen. Das kann ja wohl nicht so ganz ernst gemeint sein. Ernst zu nehmende Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang schon lange nicht mehr von „Trieben“, da dadurch dem Hund die Fähigkeit abgesprochen wird, etwas bewußt zu planen und auszuführen. Aber jeder, der mit Hunden arbeitet, oder auch Wildcaniden bei der Jagd beobachtet, wird feststellen, daß sie sehr bewußt an jagdliche Aufgaben herangehen, egal ob sie unter Anleitung eines Menschen arbeiten oder allein auf freier Wildbahn unterwegs sind. Wenn dem nicht so wäre, würde ein Wildcanide niemals entscheiden, daß er jetzt diesen Hasen lieber nicht auffrißt, sondern ihn zu den Welpen schleppt – und das entscheidet er auch wenn er selber Hunger hat im Sinne der Welpen. Ebenso würde er eine Jagdsequenz nicht wegen schlechter Erfolgsaussichten abbrechen, er würde es gar nicht können. Wo bleibt da also der Trieb?

Leider geht es in diesem Sinn größtenteils weiter. Zwar erklärt sie ausführlich, daß Jagdtrieb bei Hunden individuell und rassetypisch unterschiedlich ausgeprägt ist, verweist dankenswerterweise auch darauf, daß z.B. Hüte- und Treibhunde in der Regel sehr stark jagdlich interessiert sind, aber die Lösungen, die sie anbietet, sind leider im besten Falle Schnee von gestern und nicht unbedingt auf der Höhe moderner Erkenntnisse.

Zum Beispiel „Denken wie ein Rudelführer“. Zwar erklärt sie, daß wir aus Sicht der Hunde kein vollwertiges Rudel bilden, aber trotzdem….. Begriffe wie Rudel, Rangordnung, Dominanz und Alpha wirft sie einfach in den Raum, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, daß man sie nur mit äußerster Vorsicht und sehr situationsbezogen verwenden kann, wenn man sie überhaupt einsetzen möchte. Ein Rudel ist eine Familie, nichts anderes ist darunter zu verstehen, wenn man versucht, sich wissenschaftlich korrekt auszudrücken. Menschen und Hunde bilden aber keine Familie im biologischen Sinn, denn auch wenn wir unsere Hunde defacto adoptieren: wir paaren uns nicht mit ihnen, wir haben keine gemeinsamen Kinder / Welpen und sind deshalb kein Rudel sondern eine Gruppe, in der zwei Arten zusammenleben. Daß der Begriff „Rangordnung“ in so einer Gruppe völlig fehl am Platz ist, sollte mittlerweile eigentlich bei jedem angekommen sein, denn es ist mehr als zweifelhaft, daß so etwas wie eine Rangordnung zwischen Arten überhaupt existiert. Mit den Begriffen „Alpha“ und „Dominanz“ geht sie ähnlich lax um.

Es folgen einige Erklärungen über Training, Timing, Belohnung, die alle mehr oder weniger korrekt erklärt werden. Aber wenn es dann zur Praxis geht, wirds richtig bunt. Sie baut ihr Training nach 3 Säulen auf und schon bei der ersten „Bindung und Vertrauen“ kommen Ratschläge, die mehr mit „schlagen“ als mit einem guten Rat zu tun haben. Denn was bitte schön hat Jagdleidenschaft damit zu tun, ob der Hund im Bett schläft, ob er erhöhte Liegeplätze hat, ob er vor der Mahlzeit „sitz“ oder „platz“ macht….. Um nur einige Hausordnungsregeln zu nennen, die anderen sind auch nicht viel besser. Wenn das so stimmen würde, dann könnte man im Umkehrschluß annehmen, daß Hunde, die im Zwinger leben, die nie selbst bestimmen können, wann sie Körperkontakt haben dürfen, die immer als letzte durch die Tür gehen usw. usf. nie im Leben im Wald abzischen. Ich kann aber allen, die es nicht selber nachprüfen können und deshalb diesen albernen Regeln Glauben schenken, versichern: viele der Hunde in unserer Umgebung, die genau so leben, düsen bei jeder sich bietenden Gelegenheit ab, und interessanterweise sind viele, sehr rigide erzogene Hunde von Jägern dabei. Kann also nicht so ganz stimmen.

Einige Tipps sind regelrecht gefährlich, z.B. „er sollte Ihnen seinen Knochen überlassen….“ Es wäre mal interessant zu erfahren, wieviele Beißunfälle es aufgrund solcher qualifizierter Trainingstipps bereits gab. Von einem Hund zu verlangen, daß er mir immer alles gibt, was ich möchte, er dagegen nur etwas bekommt, wenn er etwas für mich tut, und das dann als „gute Bindung“ zu verkaufen, ist schlicht und ergreifend Tyrannei und hat mit guter Erziehung nichts, mit überholtem Hierarchiedenken sehr viel zu tun. Es sagt mehr über den aus, der solche Tipps gibt, als über Hunde, die dem ausgeliefert sind.

Es ist aus Platzgründen nicht möglich, alle Dinge aufzulisten, die in dieser Art als Antijagdtraining angepriesen werden. Deshalb ein Beispiel aus dem Gehorsamsteil: das Verbotswort „nein“. Also ganz im Ernst: wer tatsächlich meint, mit einem „nein“ einen Hund vom Jagen, und sei es nur vom Hetzen hinter einem Fahrrad abhalten zu können, der hat noch nie ernsthaft mit einem Hund gearbeitet. Das könnte nur dann gelingen, wenn man mit dem „nein!“ etwas verbindet wie einen Stromstoß über ein Stromreizgerät. Und der Einsatz dieser Geräte ist nicht nur Tierquälerei, sondern in Deutschland für alle und jeden verboten, also auch für Jäger, Trainer, Polizei. Ansonsten habe ich schon viele „nein“-schreiende Hundebesitzer erlebt, deren Fiffi munter weiter hinter dem Häschen hergerannt ist und sich durch Frauchens Geschrei nicht im geringsten beeindruckt gezeigt hat. Und viele dieser Hundehalter haben ganz eifrig das „nein“ eintrainiert.

Bei der „Triebauslastung und Beschäftigung“ empfiehlt sie Apportieren: gute Idee. Aber leider auch Agility und Treibball. Bei Agiltiytraining hängt es sehr von der Art des Trainings ab, ob der Hund hochgepowert und dadurch extrem gestresst wird, oder ob er durch ruhiges Training tatsächlich leichter führbar wird. Treibball dagegen ist so gut wie immer ein hervorragendes Jagdtraining, denn was lernt der Hund da? Genau: ein bewegtes Objekt mittels Körpereinsatz zu bewegen und vor sich her zu treiben. Kann man dann ja auch mal an Rehen und Hasen austesten, wenns am Ball richtig gut klappt, oder? Und laufen am Fahrrad? Auch das ist ein gefährlicher Hinweis. Denn was passiert, wenn unmittelbar vor dem Rad ein Häschen in die Höhe springt? Könnte es sein, daß Bello dann das Gelernte kurzzeitig vergisst und einfach losrennt? Und daß sein Mensch mitsamt Fahrrad dann am Boden liegt?

Strom preist Martina Nau nicht an, dafür Trainingsdiscs und Sprühhalsbänder. Wenn ein Hund tatsächlich mit großer Begeisterung Wild hetzt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß er trotz dieser großartigen Hiflsmittel weiterhetzt, es gibt auch Beispiele von hetzenden Hunden, die sich nicht einmal von Stromreizgeräten vom Jagen abbringen lassen. Die Anzahl derer, die durch den Einsatz solcher Dinge traumatisiert und schwer seelisch geschädigt werden, überwiegt aber bei weitem. Alle Hinweise am Anfang, daß Hunde eben jagen, weil sie Hunde sind, kann sich die Autorin schenken, wenn sie mit massiven Strafreizen arbeitet, um ein genetisch verankertes Verhalten zu unterbinden.

Es fehlt vollkommen der Hinweis, daß es Hunde gibt, die trotz bester Auslastung, hervorragendem Grundgehorsam und enger Bindung einem lebenslangen Leinenzwang unterliegen, z.B. weil sie einmal erfolgreich waren und Wild tatsächlich erlegt haben. Diese Hunde lassen sich durch so gut wie nichts mehr vom Jagen abbringen, denn Jagen – und auch dieser Hinweis fehlt in aller Deutlichkeit – gehört für Hunde zu den elementaren Bedürfnissen. Es sind eben keine Triebe, und wer einmal so richtig auf den Geschmack gekommen ist, will dieses großartige Erlebnis immer und immer wieder.

Es werden einige Tipps gegeben, die sinnvoll sind: gute Auslastung, Distanzkontrolle, Erarbeitung eines guten Grundgehorsams. Das ändert aber nichts daran, daß das Buch in weiten Teilen einfach alter Wein in neuen Schläuchen ist.

Kurz und gut: dieses Buch kann man sich sparen. Um andere Antijagdbücher beurteilen zu können, kann man folgende Punkte abprüfen:
– Werden Strafreize vorgeschlagen wie Sprühhalsbänder, Stromreizgeräte oder ähnliches?
– Arbeitet der Autor / die Autorin mit veralteten Begriffen wie Alpha, Dominanz,
Rudelführer und ähnlichem?
– Was bedeutet Bindung? Der Mensch darf alles und der Hund nichts?
– Wie wissenschaftlich fundiert ist das Wissen des Autors / der Autorin?

Fazit: Einen Hund vom Jagen abzuhalten, kann eine Lebensaufgabe sein. Man kann bereits im Welpen- und Junghundalter viel tun, um dagegen zu steuern. Mit Trieb und schlechter Bindung hat Jagdleidenschaft nichts zu tun, dafür sehr viel mit Genetik.

Martina Nau,“Auf und davon – Wie der Jagdtrieb des Hundes kontrollierbar wird“, Cadmos Verlag

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