„Nein, wir gehn hier nicht lang!“ – Über Sinn und Unsinn von Verbotsworten

von Ute Rott
Forsthaus Metzelthin

Manchmal überleg ich mir, welches Wort ich aus dem Repertoire von Hundemenschen unwiderruflich entfernen würde, wenn ich das könnte. „Nein“ hat sehr gute Karten auf einen der vordersten Plätze, vor allem dann, wenn wieder mal ein Hund zu mir kommt, dem pausenlos per „nein“ alles verboten wird. Ja, ich weiß, man braucht ganz dringend ein Abbruchsignal, womöglich noch ein 100% wirksames, wenn der Hund wieder mal was total gefährliches und schlimmes vor hat. Beispielsweise rennt er auf eine viel befahrene Straße zu – oder er macht sich auf einen Hasen zu hetzen – oder rennt am Zaun wie ein Berserker entlang und beschimpft die Passanten – oder wenn er mich wieder in die falsche Richtung zerrt – oder oder oder…….. Alles Dinge, die komplett unvermeidbar sind, wenn Bello kein Abbruchsignal kennt?

Mäxchen 023

Die Überschrift „nein, wir gehn hier nicht lang“ stammt aus einem meiner Leinenführigkeit-Workshops. Ich war ziemlich baff, als die Halterin eines großen Hundes mit ausgestrecktem Arm und straffer Leine hinter ihrem Süßen hermarschierte und genau diesen Satz sagte. Sie klang sehr entschlossen und die beiden liefen immer weiter in die falsche Richtung. Komisch, oder? Sie hatte ihm doch klipp und klar gesagt, daß das hier jetzt nicht ok ist, oder nicht? Jeder, dem ich das erzähle und womöglich auch noch vormache, lacht sich scheckig. Ist doch absurd, dem Hund etwas zu verbieten, was man gerade mit ihm zielstrebig macht. Viel einfacher wäre es doch gewesen, sie wäre rechtzeitig stehen geblieben, hätte in die gewünschte Richtung gezeigt und gesagt: hier gehen wir lang. Mag sein, daß dieser Hund vielleicht erst mal nachgefragt hätte, ob man nicht doch die andere Richtung einschlagen könnte, mein Maxl macht sowas auch. Jedenfalls ist dann beiden Seiten klar, daß man gerade unterschiedliche Interessen hat und da sollte man sich dann einigen. Aber zu glauben, ein „nein, das tun wir jetzt nicht“ bewirkt irgendwas beim Hund, außer daß er mal wieder darin bestärkt wird, daß sein Mensch ständig irgendwas Bedeutungsloses rumlabern muß, ist einfach albern.

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Und wer vermutet, er könnte mit einem gewaltfrei aufgebauten Abbruchsignal einen Hund daran hindern, Wild zu hetzen oder sein Revier hinter dem Zaun zu verteidigen, der ist ja schon mehr als naiv und hat vermutlich nicht so übertrieben viel Erfahrung mit Territorialverhalten und Jagdtrieb. Die Situation an der vielbefahrenen Straße, in die der Hund – sehr vernünftig – nicht hineinrennen soll, läßt sich ganz einfach lösen: Bello kommt an die Leine. Schließlich ist ja jedem einigermaßen gesunden Menschen mit funktionierenden Augen und Ohren möglich festzustellen, wann der Gefahrenbereich beginnt. Falls Bello sich nicht gerne anleinen läßt, sollte man vielleicht daran arbeiten.

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Ja, hin und wieder muß man seinem Hund etwas verbieten. Wenn Indiana die Buben wieder zu heftig nervt, weil unser Pubertier zu viel Power hat und mal einfach rumrennen und rumblödeln möchte, und die Buben wollen aber ihre Ruhe haben, dann gehe ich dazwischen. Weil die beiden Herren einfach zu nett sind, mal eine kurze Ansage zu machen. Besonders der alte Anton läßt sich von Mädels einfach extrem viel gefallen. Beim Maxl kann ich abwarten, manchmal hat er doch Lust zum Spielen, wenn nicht, kommt er zu mir und sagt: kannst mir mal helfen? Klar, kann ich und mach ich auch. Meistens reicht für Indiana dann ein kurzes: lass die Buben in Ruhe. Wenn sie die Ohren auf Durchzug gestellt hat, gehe ich ohne Worte dazwischen. Das hilft immer.

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Was mich auch immer wundert: jeder Hundemensch weiß, daß man mit seinen Anweisungen nicht inflationär um sich werfen soll, weil sie sich dann abnützen und den Hund irgendwann nicht mehr interessieren. Wenn wir uns das allseits beliebte Wörtchen „nein“ ansehen, dann bin ich einfach sprachlos mit welcher Begeisterung es eingesetzt und von Trainern (!) als das Abbruchsignal schlechthin angepriesen wird – und zwar nicht nur von Trainern, die aversive Methoden bevorzugen, nein, nein, meine lieben Hundefreunde, von ganz vielen, die ganz viel über Lerntheorie  und Lernverhalten erzählen und auch darüber Bescheid wissen. Das läßt mich doch manchmal verwundert den Kopf schütteln.

Liebe Hundefreunde, denkt in einer stillen Minute vielleicht vorm Einschlafen, wenn ihr nicht abgelenkt seid, in aller Ruhe darüber nach, wie oft ihr jeden Tag dieses kleine, unscheinbare Wörtchen „nein“ aus eurem Mund in die Welt schickt: Möchtest du einen Kaffee? Nein, lieber Tee. Gehen wir heute ins Kino? Nein, ich bleibe heute zuhause. Nein, was redet der denn für einen Unfug! Nein, Tanta Anna kommt am Sonntag nicht. Nein, wir fahren, dieses Jahr nicht in Urlaub………….. Noch ein paar Beispiele gefällig?

Abgesehen davon gibt es viele Wörter die ganz ähnlich wie „nein“ klingen: dein, mein, fein, klein……………… So, und das soll Bello unterscheiden. Na, großartig, dann lassen wir ihn doch gleich mal Germanistik studieren.

Leider, leider, leider habe ich in der Hundewelt nicht viel zu sagen und kann dieses alberne Nein nicht aus dem Wortschatz von Hundemenschen verbannen. Aber vielleicht denkt doch wenigstens der eine oder die andere KollegIn darüber nach, dieses Thema mit Kunden ein bißchen besser durchzusprechen:
1. Verzichtet einfach zugunsten von „tu lieber dies als das“ auf permanente Verbote
2. und wenn ihr eurem Hund schon was verbieten müßt, dann verzichtet doch einfach auf „nein“ und seid ein bißchen kreativ.
Manchmal reicht „denk mal nach“ schließlich auch.

Kalla und Ute, Foto Dagmar Fuchs, Ringenwalde

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